Südafrika ist bekannt für Gold und Diamanten. Weniger funkelnd, doch ebenso von Mythen umrankt, ist ein anderes südafrikanisches Exportgut: der Wein. Sauvignon Blanc, Cabernet Sauvignon oder Chardonnay vom Kap stehen in fast jedem deutschen Supermarkt. Die Etiketten sind oft illustriert mit wilden Tiere, historischen Landsitzen oder traditionellen Masken. Doch nun hat die Hilfsorganisation Oxfam die reale Produktion vieler südafrikanischer Weine untersucht. Danach werden Arbeiter in vielen Weinanbaugebieten regelmäßig ausgebeutet. Ähnliche Berichte hat es in den vergangenen Jahren immer mal wieder gegeben.

Überraschend ist etwas anderes. Der Report ermöglicht Einblicke in einen Wirtschaftszweig, dessen Image oft von gemauerten Kellergewölben und romantisch-verträumten Landgütern geprägt ist, wo Genießer über feine Zitrusnoten fachsimpeln. Die Wahrheit sieht anders aus: Statt exklusiver Edeltropfen dominiert kostenoptimierte Massenproduktion das globale Weingeschäft. Wertschöpfungsketten werden dabei aus den Ursprungsländern verlagert. Am Beispiel Südafrika zeigt Oxfam, welch "verheerende Wirkung" das auf eine Industrie haben kann – bis hin zu den Menschen, die in den Weinbergen die Trauben ernten.

Teilweise hochprozentig

Wo Wein in Deutschland verkauft wird

Quelle: Deutsches Weininstitut, Oxfam/Ricarda Stienhans, Stand 2016 © ZEIT Grafik: Doreen Borsutzki

Deutschland spielt dabei eine beachtliche Rolle. 15 Prozent aller Weinexporte aus Südafrika gehen in die Bundesrepublik, nur Großbritannien nimmt mehr ab. Das geht aus Daten der Marktforschungsfirma Euromonitor hervor. Die Menge ging in den vergangenen Jahren zwar etwas zurück, und verglichen mit Tropfen aus Frankreich, Italien und Spanien sind Weine vom Kap hierzulande immer noch ein Nischenprodukt. Doch sie zählen zu den beliebtesten Weinen der "neuen Welt". Auch wegen ihres Preises.

Beim Wein achten die Deutschen aufs Geld. Das erklärt auch die Dominanz der Discounter im Geschäft. Gemessen an der Menge verkaufter Rot- und Weißweine, kommen sie zusammen auf einen Marktanteil von fast 50 Prozent. Jede zweite Flasche Wein wird beim Discounter gekauft. Aldi setzt dabei mit Abstand am meisten ab und bietet selbstverständlich auch südafrikanische Weine an: Sumerton heißen sie bei Aldi Nord und African Rock bei Aldi Süd. Beide gibt es sowohl als Weiß- als auch als Rotwein, die Flasche kostet zwischen 2,29 Euro und 2,49 Euro.

Mit diesen Preisen bewegt sich Aldi genau im Bereich dessen, was das Gros der deutschen Konsumenten zu zahlen bereit ist. Zumindest bei Weißwein, wie Daten von Euromonitor zeigen. Rotwein darf geringfügig mehr kosten. Wenig verwunderlich, dass der damalige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück vor fünf Jahren Hohn und Spott erntete: Öffentlich hatte er eingeräumt, keine Flasche Pinot Grigio zu kaufen, "die nur fünf Euro kostet". Tatsächlich gab sich Steinbrück damit im Vergleich zu seinen Landsleuten als Luxuskonsument zu erkennen. Denn obwohl die Zahlungsbereitschaft für Wein in Deutschland in den vergangenen Jahren gestiegen ist, liegt die magische Grenze immer noch bei fünf Euro pro Flasche. Oberhalb dieses Preises nimmt die Kaufbereitschaft der Kunden rapide ab, nur 14 Prozent geben mehr aus. Sieben Euro oder mehr zahlen keine vier Prozent aller Weintrinker. So viel sind ihnen Zitrusaromen und Gewürznoten nicht wert.

Gerade deshalb sind die Lieferketten auf Effizienz getrimmt. Anhand der südafrikanischen Weine hat Oxfam diese zwar nicht vollständig, aber doch umfassend rekonstruieren können. Vor allem das letzte Bindeglied fehlt – das zu den Arbeitern in den Anbaugebieten. "Keine der von uns befragten Supermarktketten hat ihre Lieferbeziehungen in Bezug auf Wein und Trauben vollständig offengelegt", sagt Oxfam-Projektleiterin Franziska Humbert. "Insbesondere wurden die Informationen nicht preisgegeben, von welchen Plantagen die Trauben kommen." Auf vielen davon würden jedoch die Rechte gerade von Landarbeiterinnen verletzt, sagt Humbert. 20 Prozent der von Oxfam befragten Frauen erhalten demnach nicht einmal den lokalen Mindestlohn, jede zweite ist während der Ernte giftigen Pestiziden ausgesetzt, viele Farmer verbieten es ihnen, Gewerkschaften beizutreten.

Dass es so schwer ist, Trauben einer bestimmten Plantage zuzuordnen, liegt an einer Besonderheit des globalen Weinbusiness: dem Boom des Tankweins. Dabei wird Wein verschiedener Farmen in großen Stahltanks exportiert und erst später gemischt und in Flaschen gefüllt. Typischerweise steht auf den Flaschenetiketten dann nicht der Name des Weinguts, sondern nur die Adresse eines Abfüllers oder Zwischenhändlers.

Im Wein liegt Wahrheit – aber welche?

Oxfam zufolge lieferte Südafrika 2003 noch den Großteil seines Weins in Flaschen hierher, heute liegt die Tankwein-Quote bei etwa 80 Prozent. Nachteil für die Produzenten: Sie werden zu Rohstofflieferanten, die nur Trauben abgeben. Eigene Marken können sie kaum aufbauen. Sie werden austauschbar, weil Großabnehmer ihre Lieferanten schnell wechseln können. Was diese Machtverschiebung in der Wertschöpfungskette finanziell bedeutet, rechnet Oxfam vor: Demzufolge erhält ein Farmer umgerechnet 14 Cent pro Kilo Trauben für billigen Tankwein. Bei einem teureren Flaschenwein mittlerer Qualität erhält er immerhin 38 Cent. Die Folge dieser Praxis: Nur noch 15 Prozent der südafrikanischen Weinfarmen arbeiten laut Oxfam wirklich profitabel, jede zweite kommt gerade eben auf eine schwarze Null. Viele Winzer steigen um auf andere Obstsorten oder geben den Kostendruck weiter an ihre Feldarbeiter. Weintrinker und -händler interessiere das kaum, sagt ein Branchenkenner , der selbst für ein Handelsunternehmen arbeitet und daher anonym bleiben will. Deutschland sei "ein komplettes Brachland, was Konsumentenethik betrifft".

Schwer durchschaubar bleibt der Markt für Außenstehende aber auch nach der Oxfam-Recherche. Das zeigen exemplarisch die Reaktionen des größten deutschen Weinhändlers. "Aldi Nord hat uns gegenüber die Probleme auf südafrikanischen Plantagen eingeräumt. Aldi Süd hingegen bestreitet, dass es bei seinen Lieferanten welche gibt", berichtet Projektleiterin Humbert.

Von der ZEIT darauf angesprochen, geben beide Firmen überraschende Antworten. Aldi Süd habe seine Geschäftspartner zu den Ergebnissen der Oxfam-Recherche befragt. "Unsere Lieferanten können die im Bericht aufgeführten Missstände in dieser Form nicht bestätigen", berichtet eine Sprecherin. Sie verweist auf einen Zertifizierungsprozess, der arbeits- und sozialrechtliche Themen umfasse. Darüber hinaus beziehe Aldi Süd gar "keine Tankweine aus Südafrika". Alle Weine würden vor Ort abgefüllt, die Wertschöpfung bleibe damit zum Großteil im Land.

Aldi Nord verweist ebenfalls auf seine Zertifizierungssysteme und darauf, dass das Unternehmen in einigen Regionen Deutschlands sogar fair gehandelte Weine aus Südafrika anbiete. Anders als Oxfam berichtet, räumt Aldi Nord jedoch keine Missstände ein. "Die Rechercheergebnisse des Berichts können unsere Lieferanten für die uns beliefernden Plantagen nicht bestätigen", teilt ein Sprecher mit.

Im Wein liegt Wahrheit – aber welche? Neutral überprüfen ließe sich das nur bei völliger Transparenz in der Lieferkette. Aber anders als Zitrusaromen lässt sich diese nicht herausschmecken.