Auf der Kommode meiner Eltern steht dieses Foto von Opa. Es zeigt ihn als älteren Mann auf einer Anhöhe über dem Tal, wahrscheinlich nahe einer seiner geliebten Pfälzer Burgen. Er blinzelt in die Kamera mit seinem typischen Blick, kokett, verschmitzt und immer auch ein bisschen kritisch. Ich kenne ihn gut, diesen Blick, er sieht mich oft aus dem Spiegel an.

Neuerdings sehe ich ihn sogar an meiner kleinen Tochter. Wenn sie dabei ist, etwas auszufressen. Wenn ich sie ermahne, weil sie zum zigsten Mal an die Steckdose will. Dann dreht sie sich zu mir um mit diesem herausfordernden Lächeln, und da ist dann Opas Blick, der sagt: "Red du nur!" Oder einer von seinen Lieblingssätzen: "Da lach ich doch!"

Ich muss häufig an Opa denken, er beschäftigt mich. Häufiger noch, seitdem ich selbst Vater zweier Töchter bin, Zwillinge, anderthalb Jahre alt. Jetzt, da ich selbst unaufhaltsam hineingezogen werde in die Vielzahl täglicher Pflichten, tief und tiefer in den Alltagstrott eines Lebens mit kleinen Kindern und Ehe und Beruf, jetzt fühle ich mich umso mehr an ihn erinnert, an meinen Opa, den alle Mutz nannten, seit er sich als kleines Kind immer in den Dreck warf und dann freudestrahlend "Mutz, Mutz" rief.

Ich suche nach ihm, dem Vater meines Vaters, weil ich wissen will, wer ich selbst bin. Eines Tages werden das ja auch meine Kinder von mir wissen wollen. Alle Kinder suchen doch nach ihren Eltern und dem, was sie geprägt hat, ihr Leben lang. Opa war all das, was ich von mir und meinem Vater kenne, nur viel extremer, klarer, unverdünnt. Er ist der Referenzpunkt unseres Charakters. Wie viel von ihm steckt noch in mir?

Ich sehe Opa in Gedanken vor mir, diesen Mann, Jahrgang 1925, stattlich hätte man ihn zu seiner Zeit wohl genannt. Hochgewachsen und schlank mit einst tiefdunklen Haaren, die mit den Jahren immer weißer wurden. In den Siebzigern trug er mächtige Koteletten und ähnelte dem französischen Schauspieler Yves Montand. Nach der Pensionierung ließ er sich für eine Weile einen Vollbart stehen, damit sah er aus wie der alte Hemingway.

Er war belesen, kunstbegabt, machte Karriere als Architekt im Hochbauamt der Deutschen Post. Die Fassade sollte glänzen, darauf achtete er, Danish Design daheim im Wohnzimmer, dazu die eleganten dunklen Anzüge, die er auf Familienfeiern trug. Die, die ihn von solchen Anlässen kennen, beschreiben ihn als gedankentiefen Intellektuellen.

Doch im Innern sah es anders aus. Seine Launen, sie sind Legende. Ich erinnere mich an einen Geburtstag meines Vaters, für den er mit Oma extra vom Saarland nach Berlin gereist war. Abends weigerte er sich plötzlich, mit uns ins Restaurant zu kommen. Brüskierte alle, vor allem seinen Sohn, weil ihm wieder "irgendetwas quer steckte", wie wir uns üblicherweise hinter vorgehaltener Hand zuflüsterten. Vielleicht war mein Vater zu spät von der Arbeit gekommen, hatte ihn zu lange warten lassen, wer weiß. Es wird irgendeine Nichtigkeit gewesen sein, die ihm nicht in den Kram passte, die alles zerstörte.

Mein Vater und seine beiden Brüder können von unzähligen solcher Momente erzählen. Wie er sich am Abfahrtstag in die Ferien, das Auto bereits gepackt, einfach wieder ins Bett gelegt hat. Wie er vom Festessen noch vor dem Hauptgang aufgestanden ist und nicht mehr wiederkam. Auch seine Reaktion, als er erfuhr, dass sein Sohn überraschend jung selbst Vater wurde, er schmiss wortlos die Tür und verschwand eine Woche lang. Und natürlich nie ein Satz der Entschuldigung, nie ein Konflikt, der mit Worten beigelegt worden wäre.

"Mutz!", höre ich meine Oma rufen, noch Jahrzehnte später, ihre Stimme anklagend, ungläubig, aber immer auch beschwichtigend, so wie man nach einem trotzigen kleinen Kind ruft.

Neun Jahre ist er nun tot, und doch, das merke ich, tritt er manchmal aus mir hervor, mal schleichend, mal ganz plötzlich: Wenn die Kinder schreien und ich allein mit ihnen bin. Wenn sie sich auf dem Wickeltisch meinen Handgriffen entwinden. Wenn meine Frau mir sagt, was ich falsch gemacht habe. Wenn der verdammte Dübel nicht hält. In diesen Momenten spüre ich ihn, tief drinnen, den Jähzorn, den eitlen Stolz, die unverstandene Verletzlichkeit. Das Männer-Ding.

Ich spüre seine Ungeduld, die ewige Akribie, das krank machende Schwanken zwischen Verzagen und Größenwahn. Ich spüre all das noble Schweigen, das oft nur feige ist. Und immer wieder auch den lächerlichen Glauben, dass ich alles allein schaffen kann. Ich, der Mann.

In Opas Welt durften Männer keine Emotionen zeigen, und Kinder waren Frauensache. Vor 50 Jahren, als Opa ein junger Vater war, verbrachten Väter statistisch ganze 16 Minuten pro Tag mit ihren Kindern. Heute sind es 59 Minuten, fand eine Familienstudie kürzlich heraus, unter Akademiker-Vätern wie mir sogar 74.

Opas Welt scheint sehr weit weg, und doch reicht vieles daraus bis hinein in meine Gegenwart. Wenn meine Mutter mir kurz nach der Geburt meiner Zwillinge sagt, dass ich jetzt sicher schon mehr Windeln gewechselt habe als mein Vater bei seinen vier Kindern im ganzen Leben. Wenn mein Vater mir, halb im Scherz, sagt: "Zwei Töchter, schön und gut, aber noch mal so einen richtigen Sohn ...?" Und ich erwidere: "Nee, lass mal", und es trotziger klingt, als ich es wollte.

Ich wähne mich fortschrittlicher als Opa, als mein Vater auch. Aber ist es nicht ebenso bezeichnend, dass es selbst mir noch leichter vorkommt, Töchter großzuziehen als einen Sohn, irgendwie unkomplizierter?

Ich rufe meinen Vater an für diesen Artikel, ich will mit ihm über seinen Vater sprechen, meinen Opa. Sein Schweigen stand ja immer auch zwischen uns. Ich weiß, dass es meinen Vater beschäftigt, dieses schwierige Verhältnis, seine kindliche Liebe, die so oft gegen Mauern des Schweigens prallte. All die Fragen, auf die allenfalls indirekte Antworten folgten.