Es läuft nicht rund am Hamburger Flughafen. Oder anders gesagt: Meistens läuft es schon rund, das Gepäckband, aber es sind oft eben keine Koffer drauf. Viele Passagiere mussten sich in den vergangenen Monaten stundenlang gedulden, um an ihre Koffer und Taschen zu gelangen. Und manchmal kamen die Taschen auch einfach gar nicht. Ein Pilot der Airline Vueling stand lange auf dem Rollfeld, ohne dass sein Flugzeug entladen wurde. So lange, dass er schließlich kurzerhand entnervt zurück nach Barcelona flog – samt dem Gepäck in seinem Frachtraum.

Woran hakt es am Airport in Fuhlsbüttel? Und was müsste passieren, damit sich der Service endlich verbessert?

Ein Grund für die zahlreichen Verspätungen, hieß es, seien die besonderen Belastungen der Sommerferien. Die sind vorbei. Nun stehen die Herbstferien bevor. Spricht man mit Flughafen-Mitarbeitern, ihrem Chef, der Gewerkschaft und Experten, merkt man allerdings schnell: Die Ferien sind nicht das größte Problem.

1. Der Job ist unattraktiv

Im Bauch der Boeing 757 der Fluglinie Condor, die gerade aus Palma de Mallorca gelandet ist, sitzt ein Mann in neongelber Arbeitskleidung im Schneidersitz auf dem Boden. Zwischen seinem Kopf und der Decke sind nur wenige Zentimeter Platz. Hinter einem Netz stapeln sich Koffer, graue aus Stoff, pinke aus Hartplastik. Sobald die Kollegen draußen die Rampe mit dem Fließband in Stellung gebracht haben, wird der Mann beginnen, in gebückter Haltung die Koffer aufs Band zu hieven: An die 300 Koffer sind es, viele davon zwanzig Kilo schwer. Die Kollegen draußen, die das Gepäck dann von der Rampe auf einen Gepäckwagen heben, können immerhin aufrecht stehen – dafür arbeiten sie ungeschützt vor Wind und Regen. Um sie herum surren Maschinen, piepsen Fahrzeuge, nicht weit entfernt startet gerade dröhnend ein Flugzeug.

Die Gepäckabfertigung ist harte körperliche Arbeit. Nach Angaben von Beschäftigen ist in einigen Schichten fast ein Drittel der Beschäftigten krankgemeldet. Alfred Meyer (Name geändert) ist seit Jahrzehnten dabei, er erzählt von mehreren Operationen wegen Gelenkschäden und von zahlreichen Arbeitsunfällen, weil aus Zeitmangel mitunter auf Sicherheitsvorkehrungen verzichtet werde. Über die Jahre sei der Job härter geworden. Früher hätten sie etwa acht Flugzeuge pro Tag bearbeitet, heute seien es 15. Pro Tag verlade er mit reiner Muskelkraft 25 bis 30 Tonnen Gepäck, sagt Meyer.

Zur harten körperlichen Belastung komme in letzter Zeit noch eine psychische hinzu: Seit den chaotischen Szenen an den Gepäckbändern meide er die Terminalhallen, sagt Meyer – aus Angst vor Anfeindungen. Kollegen seien schon von verärgerten Passagieren bedroht worden und hätten von der Bundespolizei geschützt werden müssen.

2. Der Flughafen Hamburg tut sich besonders schwer, Leute zu finden

In Hamburg ist die Plackerei am Gepäckband noch unattraktiver als anderswo. Laut ver.di verdienen Gepäckverlader an keinem der fünf großen Flughäfen des Landes so wenig wie hier: Bis vor Kurzem lag der Einstiegsstundenlohn bei neun Euro, jetzt hat die Gewerkschaft immerhin 10,76 Euro ab Januar erkämpft. Ohne Ausbildung kommt ein Arbeiter in der Gepäckabfertigung dann laut Tarifvertag auf ein Einstiegsgehalt von 1.825 Euro brutto pro Monat. "Das ist immer noch erbärmlich wenig", sagt Irene Hatzidimou aus der Fachgruppe Luftverkehr der Gewerkschaft. "Jemand, der bei Netto an der Kasse sitzt, verdient mehr."

Christian Noack, Chef der Flughafen-Tochtergesellschaft HAM Ground Handling, die für 60 Airlines die Bodendienste abwickelt, hält dagegen: In Hamburg zahle man besonders hohe Zuschläge, diese eingerechnet verdiene ein Gepäck-Mitarbeiter je nach Erfahrung zwischen 2.100 und 3.900 Euro brutto.

Klar ist: Die Gepäckabfertigung braucht dringend neues Personal – es reicht nicht, obwohl schon aufgestockt wurde. 911 Mitarbeiter hat die HAM Ground Handling, die neben dem Gepäck unter anderem auch Passagiere und Crews transportiert und Flugzeuge reinigt. Vor fünf Jahren waren es 626. Auf Facebook wirbt der Flughafen um Mitarbeiter: "Schwer anpacken ist kein Problem für dich? Du bist ein wahrer Teamplayer? Flexibilität & Schichtdiensttauglichkeit? Trifft alles zu? Dann bewirb dich noch jetzt am Hamburg Airport." Auch in der Hamburg-Ausgabe der Bild-Zeitung werden per Anzeige dringend Mitarbeiter gesucht. Wie viele zusätzliche Leute man gerne hätte? "So viele, wie wir bekommen können", sagt Flughafen-Sprecherin Janet Niemeyer.

Aber nicht jeder, der sich meldet, ist auch geeignet. Mitarbeiter in der Gepäckabfertigung müssen nicht nur kräftig und diszipliniert genug sein, um auch mal ein paar Tage hintereinander pünktlich um vier Uhr früh auf dem Flugfeld zu stehen. Sie müssen auch männlich sein – Frauen dürfen den Job wegen berufsgenossenschaftlicher Vorgaben nicht machen. Ein behördlicher Sicherheitscheck muss zudem ergeben, dass der Bewerber nachweislich seit zehn Jahren straffrei ist. Weil ein solcher Nachweis von syrischen oder afghanischen Behörden schwer zu erhalten ist, kommen beispielsweise Flüchtlinge kaum infrage.

3. Die Fluglinien drücken Preise und verkürzen Bodenzeiten

Früher war die Bodenabfertigung am Airport eine staatliche Aufgabe. Seit 1996 gilt eine EU-Verordnung, die weitere Anbieter und Wettbewerb zulässt. In Hamburg gibt es zwei Konkurrenten: die Flughafen-Tochter HAM Ground Handling, die nach eigenen Angaben etwa 95 Prozent Marktanteil hat, und Wisag. Jede Airline schließt einen eigenen Vertrag mit einer der beiden Firmen ab. Die Deals sind streng geheim, aber fest steht: Der Wettbewerb ist immer härter geworden. "Die Fluglinien haben in den letzten Jahren die Preise für die Bodenabfertigung massiv gedrückt", sagt Ground-Handling-Chef Noack.