Das Geheimnis des Fußballs ist der Ball, sagte einst Uwe Seeler. Er sagte das zu einer Zeit, als noch keiner auf deutschen Fußballplätzen etwas machte, was heute üblich ist und beinah Normalität: sich beim Sprechen schützend die Hand vor den Mund zu halten. Spieler tun das, Trainer, Manager. Als sei nicht mehr der Ball das Geheimnis, sondern das auf dem Feld dahingesprochene, -geschnauzte oder -geflüsterte Wort. Die Fußballer sehen dabei aus, als seien sie schüchterne Teenager, denen man gerade eine Spange verpasst hat, als schämten sie sich für ihre Zahnreihen.

Es fing aus Angst vor Lippenlesern an, bei der WM 2014, an der Weltspitze. Da konnte man es noch verstehen, irgendwie. Man nahm dem Gegner mit der vorgehaltenen Tuschelhand die Chance, sich durch Entschlüsselung einen kleinen Vorteil zu verschaffen. Wollte im Dunkeln lassen, was im Dunkeln bleiben soll. Um zu vermeiden, was Cristiano Ronaldo bei Real Madrid geschah, als er seinem Trainer auf Portugiesisch "Fick dich" zurief, das lasen die Fachleute jedenfalls von seinen Lippen ab. Diese Vorgänge, das Innenleben der Mannschaft, das Brodeln und Knarzen, sollten geheim bleiben beim Kampf um die Fußballweltherrschaft.

Doch inzwischen hat sich die Tuschelhand durchgesetzt bis ganz nach unten. Zum HSV, der im entscheidenden Spiel gegen den Abstieg tatsächlich glaubt, es sei nun das Wichtigste, vor dem Ausführen des Freistoßes zur Lagebesprechung die Hand vor den Mund zu halten, so als wolle irgendjemand auf dieser Welt die Freistoßtaktik des HSV kennen oder gar klauen. Sie hat sich verbreitet bei Bundesliga-Balljungen, die ihren Kollegen am Spielfeldrand schnell etwas rübernuscheln, mit vorgehaltener Hand. Und man fragt sich, um welches zu beschützende Geheimnis es sich da handelt: Planen die, den Ball zu verstecken? Selbst im Amateurfußball ist das zu beobachten, auf braunen Matschplätzen. Wenn der Trainer seinem Banknebensitzer, der vielleicht der Co-Trainer ist, aber möglicherweise nur sein Bruder, etwas ins Ohr sagt, nicht ohne – ich habe das selbst gesehen – das Gemurmel mit der Hand abzuschirmen. Irre.

Auf der anderen Seite ist der Fußball ja immer nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und so entwickelt sich dort, auf dem Feld, meistens das, was auch abseits blüht. Zum Beispiel eben die seltsame Mode, ein Geheimnis zu suggerieren, wo keins ist. So fragen Politiker im Hintergrundgespräch mit Journalisten immer öfter, ob sie frei reden können und ob denn alles Besprochene im Raum bleiben wird. Und dann sagen diese Typen, schützend umhüllt vom Schleier der Verschwiegenheit, so umwerfende, bahnbrechende Dinge wie: Mir war das Land immer wichtiger als die Partei. Wow. Echt? Dass das mal keiner erfährt!

Im Privaten wird man unter dem Vorzeichen "muss unbedingt unter uns bleiben" zur Seite genommen, hofft dann auf geheime Pläne zum Überfallen einer Bank und bekommt am Ende doch nur von einem vielleicht möglichen Sabbatical erzählt. Aber diese Dinge muss man ja gar nicht geheim halten. Sie verbreiten sich schon deshalb nicht, weil sie kaum jemand interessieren.

Für alle, die nicht Cristiano Ronaldo sind: Das ist der Segen der Bedeutungslosigkeit. Er schützt uns vor dem Abgehörtwerden so viel verlässlicher als die vorgehaltene Hand.