Nach Schulstress und Turbo-Abi brechen immer mehr junge Deutsche auf in die Welt. Sie zahlen viel Geld, um bedrohte Tiere zu retten oder arme Kinder zu betreuen. Wem hilft das wirklich?

Ein Gymnasium am Rande Bremens. Das Foyer ist klein, doch an diesem Morgen passt die ganze Welt hinein. In den Fenstern hängen die Flaggen Großbritanniens, Kanadas und Neuseelands, an den Wänden die Umrisse Afrikas und Australiens, Sehnsuchtssilhouetten überall. In vielen Farben und Formen hat das Fernweh Einzug gehalten in den Alltagsort Schule. Es ist ein Samstag im Sommer, für ein paar Stunden gastiert die JuBi in Bremen, eine Jugendbildungsmesse. Auf Tischen, an denen montags bis freitags Schulbrote gegessen und Hausaufgaben erledigt werden, bieten Reiseveranstalter Auslandsaufenthalte an, alles von Au-pair bis Work and Travel. Von der Decke hängt ein Banner mit der Aufschrift: "Wage den Sprung von Zuhause in die Welt!"

Am Tisch der Firma Sta Travel steht Friederike Alts, 17, angereist aus Berumbur, was wie eine indonesische Insel klingt, aber ein Örtchen in Ostfriesland ist. Friederike, ein zurückhaltendes Mädchen mit langem Haar und schmaler Brille, Leistungskurse Mathe, Deutsch, Musik, wird im nächsten Frühjahr Abitur machen. Was dann? Darüber denke sie in letzter Zeit häufig nach, sagt sie. "In der Schule kommt ja immer eins nach dem anderen. Und alles so schnell. Da kann ich gar nicht nach vorn gucken."

Jetzt gerät plötzlich die Zukunft in Sicht, und Friederike, so klingt es, fühlt sich schlecht vorbereitet, trotz – oder wegen – all der Lernerei. Da ist sie sich einig mit ihrem Vater, der sie an diesem Morgen hergefahren hat und nun stets zwei Schritte hinter ihr zurückbleibt, ein Noch-Vater eines Noch-Kindes, der seiner Tochter einen Jutebeutel voller Broschüren hinterherträgt und sagt: "Die Kinder von heute, die brauchen nach der Schule erst einmal eine Pause."

Es gibt eine neue Jugendbewegung in Deutschland: Gerade verlässt die Generation G8 die Gymnasien, zu Hause ziemlich gut behütete und zugleich schulisch sehr beanspruchte Jahrgänge. Zehntausende begeben sich auf Sinnsuche und Selbstfindung.

Nach der Eile in der Schule wollen sie Langsamkeit.

Nach der Enge im elterlichen Zuhause wollen sie Weite.

Sie reisen als Backpacker durch Asien, sie hüten Schafe in Neuseeland, sie jobben in kanadischen Schnellrestaurants. Sie wollen die Welt erspüren und sich selber fühlen.

Es gibt viele Namen für das Phänomen, der populärste lautet Gap-Year, Lückenjahr. Er umschreibt den Versuch, die als gestaucht empfundene Zeit zu dehnen, sich eine Auszeit zwischen Schule und Studium zu verschaffen. Doch ein Wort allein kann das Neue nicht fassen, denn diese Jugendbewegung ist anders als alle zuvor.

Diese Bewegung braucht keine Banner und Barrikaden, ihre Symbole sind Rucksack und Reisepass.

Diese Bewegung ist weniger konsumkritisch als frühere, dafür kostspielig.

Diese Bewegung ist nicht anarchistisch, sondern eifrig – Friederike Alts spielt sich seit Monaten mit ihrer Klarinette auf Konfirmationsfeiern, Kunstausstellungen und in Altersheimen ein Budget zusammen.

Diese Bewegung kommt ohne Bruch mit den Eltern aus, findet sogar meist im Einvernehmen mit ihnen statt.

Auf der JuBi in Bremen wandern Fingerkuppen über Landkarten, fahren Mittelamerika ab, finden einen Fleck in Afrika. Eltern, die 19 statt 17 waren, als sie Abi machten, und anschließend ewig vor sich hin studierten, stutzen zwar angesichts der Preise, vier Wochen Schülerhilfe in Uganda für 1.790 Euro, ein Monat als Baustellenhelfer in peruanischen Bergdörfern für 2.062 Euro – aber haben sie nicht selbst geklagt über das Turbo-Abitur, die gestohlene Zeit? Sind sie ihren Kindern nicht etwas schuldig?

Am hintersten Tisch in der Schulcafeteria sitzen Friederike Alts und ihr Vater, Jahrgang 1964, rundes Brillengestell, zerbeultes Sakko, vor sich einen Stapel Kataloge: "Du bist jung", "Dich braucht die Welt!", "Nix für Stubenhocker!", "Reisen für Weltentdecker!". Friederike sagt, sie wolle für ein halbes Jahr nach Afrika, in einem Bildungsprojekt helfen, "irgendwas mit Kindern machen".

"Soziale Brennpunkte haben wir hier natürlich auch", sagt der Vater.

"Aber in Afrika geht es ums Überleben, Papa. Hier nur um einen höheren Lebensstandard", sagt die Tochter. Sie will etwas Gutes tun. Was soll daran schlecht sein?

Rund 450.000 Schülerinnen und Schüler haben in diesem Jahr in Deutschland Abitur gemacht. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge wagen sich G8-Absolventen seltener als G9-Abiturienten noch im selben Jahr auf eine Universität. Jene, die auf den Immatrikulationslisten fehlen, finden sich oft in anderen Statistiken wieder: Fast 26.000 junge Deutsche haben zuletzt Jahr für Jahr ein Visum allein für das Work-and-Travel-Programm in Australien beantragt.

Der neueste Trend aber heißt Voluntourism, Freiwilligentourismus: Immer mehr Schulabgänger wollen im Ausland kein Geld verdienen – sondern zahlen jetzt Hunderte, manchmal Tausende Euro dafür, in Thailand Elefanten zu waschen, in Südafrika Wildkatzen zu zählen, in Kambodscha Kindern das Alphabet beizubringen.

Fast 30.000 dieser Freiwilligen brechen jährlich aus Deutschland auf, vor allem Abiturienten, mehrheitlich Frauen. Um diese Freiwilligentouristen geht es in diesem ZEIT-Dossier zuallererst, denn ihretwegen ist die neue Jugendbewegung auch altruistischer als alle zuvor. Und zugleich höchst ambivalent.

Aber dazu später, nicht jetzt, da Condor-Flug DE 2292 auf der Landebahn des Hosea-Kutako-Flughafens von Windhoek, Namibia, aufsetzt, auf Sitz 30 A, am Fenster, die schlaftrunkene Annelie Wehrle.