Gibt es depressive Bagger? Bei dem Filmregisseur Michael Haneke gibt es einen. Er hockt in einem riesigen Erdloch und baggert stumpfsinnig vor sich hin. Das Ungetüm dreht sich von links nach rechts und wieder zurück. Viel schafft er nicht weg. Die Totale zeigt Ausschachtungsarbeiten im französischen Calais. Arbeiter kommen und gehen, im Hintergrund plappert das Radio. Plötzlich löst sich auf einer Seite das Erdreich, und eine Wand stürzt ein. Oben stehen, säuberlich aufgereiht, mobile Toilettenhäuschen. Zwei rutschen auf den Abgrund zu, zögern kurz – und stürzen in die Tiefe.

Die Szene ist grandios und gibt dem Film die Richtung vor: Es geht abwärts. Ein Hamster verendet an einer Überdosis Antidepressiva, vielleicht ist er bloß ohnmächtig. Eine Frau fällt ins Koma, kommt ins Krankenhaus und stirbt. Später wird ihre Tochter Eve (Fantine Harduin) eine Überdosis Schlaftabletten nehmen. Deren Großvater Georges (Jean-Louis Trintignant) lebt nur noch fürs Happy End und will sich umbringen. Sein erster Versuch ging "leider" schief; jetzt hält ihn die Hoffnung auf eine nächste Gelegenheit am Leben. Am Schluss wird es lustig. Die Geschäftsfrau Anne (Isabelle Huppert) feiert Verlobung, doch ihr Sohn aus erster Ehe, der Taugenichts Pierre (Franz Rogowski), stört mit einer Gruppe afrikanischer Migranten das schöne Fest. Als er sich weigert, den Raum zu verlassen, bringt ihn die Mutter mit rabiaten Mitteln zur Räson. Auf den Lippen ein triumphierendes Lächeln.

Happy End ist eine schwarze Komödie, alles ist sehr ernst und oft auch sehr komisch. Vordergründig handelt der Film von der Bauunternehmerfamilie Laurent aus Calais. Drei Generationen wohnen unter einem Dach, es gibt Bedienstete, sie tragen das Essen auf und tragen es auch wieder ab. Wenn die Familie abends zusammensitzt, schweigt sie sich an, jeder ist mit seinen Gedanken in einem anderen Leben oder, wie Georges, schon darüber hinaus. Pierre, der Ungeliebte, der später einmal die Firma übernehmen soll, klammert sich an die Rotweinflasche, er hasst die Verlogenheit seiner bürgerlichen Klasse. Während seine Mutter Anne an ihren englischen Freund Lawrence (Toby Jones) denkt, träumt ihr Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz), der gerade Vater geworden ist, von seiner Geliebten, einer Musikerin. Ihr Begehren leben die beiden im Chat aus, und dann hocken sie in ihrer Bildschirmhöhle, vertexten ihre ausschweifenden Fantasien und überlassen sich dem imaginierten Glück der erotischen Transgression. Auch sie haben ihre Gefühle abgespalten, im richtigen Leben stören sie nur. "Ich bin nicht mehr gewohnt, eine Tochter zu haben", sagt Thomas zu Eve, und wenn er sie umarmt, sieht es aus wie eine Zwangsmaßnahme.

Kino - »Happy End« (Trailer) © Foto: X-Verleih

Kurzum, in Happy End schmeckt man das Gift des Unglücks und der bürgerlichen Kälte. Haneke präsentiert ein Kabinett der toten Seelen, die nicht mehr wissen, warum sie auf der Welt sind. Man schwätzt zwar noch von "Kultur", doch was die Gesellschaft der Gesellschaftslosen zusammenhält, sind das Recht, das Geld und die Assekuranz. Gegen alles sind sie versichert, erst recht gegen den Nächsten, und wo sie nicht versichert sind, da hilft das Geld. Noblesse oblige: Jämmerliche 35 000 Euro bietet Annes Anwalt der Familie des verunglückten Arbeiters, dafür kriegt man nicht mal einen gebrauchten Lügendiesel von Porsche.

Claude Chabrol hat der französischen Bourgeoisie ein Grabmal errichtet, all den neofeudalen Herrenreitern mit ihren Herrensitzen und Herrenhunden. Haneke muss das nicht wiederholen. Über die armen Reichen, über ihre verdammte Selbstsucht und ihre Fetischisierung des Geldes ist alles gesagt, und im Fall von Happy End ist es sogar besser, mit ihnen Mitleid zu haben und sich tapfer in ihr Schicksal einzufühlen: Denn die Bürger von Calais – das sind wir alle, die Bewohner Europas, des reichsten Kontinents der Erde, der von der Weltgeschichte bevorzugten Zugewinngemeinschaft, die plötzlich nervös wird, gehetzt von ihren Dämonen, von Verlustangst, von Schuld und schlechtem Gewissen. Noch errichtet sie riesige Baustellen, doch schon stürzen die ersten Wände ein, und die Inselbewohner fallen in die Grube, die sie sich selbst gegraben haben. Wie immer trifft es dabei die Falschen.

Gleich am Anfang sieht man, wie die gehetzt-umtriebige Anne Laurent, die ihre Firma vor dem Ruin retten will, an einem endlosen Metallzaun entlangfährt. Es ist der Zaun, der die Autobahn vom "Dschungel von Calais" trennt, wo Tausende Migranten auf eine Gelegenheit warten, nach England überzusetzen. Schemenhaft glaubt man Flüchtlinge zu erkennen, sie sind – mit einem Wort von Brecht – die Unglücksboten, weil sie vom Elend der Welt künden, vom verdrängten Außen. Nachdem die Europäer im 19. Jahrhundert ihre Länder überfallen, Millionen getötet und sie an den Kapitalismus angeschlossen haben, stehen die Anteilslosen nun vor der Tür und wollen Schutz und ein besseres Leben.

Das Lebensmodell der Wohlstandsbürger steckt tief in der Krise

Haneke macht seinen Wohlstandsbürgern keine Vorhaltungen, er spricht kein Urteil und zeigt vielmehr, wie überfordert sie sind. Wie Displaced Persons wirken seine Figuren, blind und heimatlos, denn ihr Lebensmodell steckt tief in der Krise. Auf diesen Negativismus haben Kritiker nach der Premiere in Cannes ziemlich gereizt reagiert und Haneke vorgeworfen, er wiederhole sich. Das ist richtig und doch falsch. Tatsächlich zeigt ein vertrautes Haneke-Motiv erst heute seine diagnostische Kraft, nämlich die Behauptung, dass die Zivilisation nicht nur zivilisiert, sondern ihre Insassen mit Selbstverhärtung und Verdrängung bestraft, während alles Weiche und Zarte in die Kunst auswandert, wo es bleibt und nicht mehr zurückkommt. Aus dieser Verdrängung entsteht in Happy End das Unbehagen in der Kultur, ihre kolossale Gleichgültigkeit gegenüber jenen, die aus den ehemaligen Kolonialgebieten nach Europa kommen, falls sie es schaffen und nicht im Meer ertrinken.

Das klingt ungerecht gegenüber all den Freundlichen und Wohlmeinenden, und der Film weiß das auch, jedenfalls unterläuft er durch Komik seine unerbittliche Strenge. Komik schafft Freiheit, sie erlaubt dem Publikum, sich selbst fremd zu werden und auf Abstand zu gehen, sogar auf Abstand zur Moral. Wenn Happy End bloß eine moralische Epistel wäre, dann könnte der Zuschauer die Moral abspalten, nach Hause gehen und sagen, einen großartigen Film gesehen zu haben. Haneke stärkt die ästhetische Freiheit noch durch ein unausdeutbares Bild, bei ihm ist das Meer bei Calais alles zugleich – es ist Tod und Leben und Hoffnung. All das kann man tragisch missverstehen, man kann, wie der Schriftsteller Ferdinand von Schirach im Nachwort zum Drehbuch, den Film spekulativ im Allgemeinmenschlichen verdunsten lassen (der Spiegel druckt es in Ermangelung einer eigenen Meinung artig nach). Doch tragisch ist bei Haneke gar nichts. Die Welt ist reich genug. Es langt für alle.

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