Unsere Welt ist alles, was der Fall ist. Je tiefer, desto besser. Der tiefe Fall des Superproduzenten Harvey Weinstein jedenfalls beendet eine schöne Legende: das lichte, liberale, sexuell und politisch korrigierte Hollywood gegen den finsteren, bigotten, obszönen und brutalen Trumpismus. Das war wohl nichts.

Die Fakten im Fall Weinstein sind einigermaßen klar. Der erfolgreiche Filmproduzent (unter anderem Pulp Fiction, Shakespeare in Love, Gangs of New York), der öffentlich gern für Frauenrechte eintrat, wurde in einem Artikel in der New York Times als einer enttarnt, der Frauen belästigte, bedrängte, seine Macht ausnutzte. Offenbar zahlte Weinstein mindestens acht Opfern Abfindungen, um sie zum Schweigen zu bringen. Die Beweislage ist eindeutig, höchstens das Ausmaß der Vergehen kann diskutiert werden. Entscheidend ist aber die Frage: Wie offen war das Geheimnis des Harvey Weinstein, wie viel Schweigemacht war da im System, und wie viel System war da im Spiel?

Filmproduzent - Weitere Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Harvey Weinstein »The New Yorker« berichtet von angeblichen Vergewaltigungen. Die Hollywoodstars Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie widersetzen sich der sexuellen Belästigung. © Foto: Danny Moloshok / Reuters

"Ich bin in den sechziger und siebziger Jahren groß geworden, als noch andere Verhaltensregeln im Privatleben und am Arbeitsplatz herrschten. So war das damals" – diese Verteidigung Weinsteins war ein halbes Eingeständnis und eine halbe Rückkehr zum System von Einschüchterung und Bedrohung. Mehr kann man wohl nicht tun, um, wie man so sagt, alles noch schlimmer zu machen. Entsprechend empört nehmen sich denn auch die Kommentare aus der Traumfabrik aus. Etwa von Meryl Streep ("beschämende Nachrichten"), Kate Winslet ("zutiefst schockierend") oder George Clooney ("unentschuldbar"). Matt Damon und Russell Crowe, die dem Produzenten viel verdanken, müssen sich fragen lassen, weshalb sie angeblich schon vor etwa zehn Jahren einen umfassend recherchierten Artikel über Weinsteins Übergriffe verhinderten, unter anderem auf weibliche Praktikanten, und über die von seiner Firma partymäßig organisierten Ausschweifungen (russischer Escortservice). Und die Zeitung selbst müsste sich fragen, weshalb sie sich fügte. Wegen der Anzeigen von Weinsteins Firma Miramax?

Verdächtig viele Menschen betonen, dass sie von der anderen Seite ihres Freundes Harvey nichts, aber auch gar nichts gewusst haben. Das System verspricht sich rasche Selbstreinigung durch Distanzierung, und nur wenige, wie etwa die Schauspielerin Glenn Close, wagen es, das Systemische in Weinsteins Verhalten anzusprechen. In jeder Organisation, in der es um Macht, Karriere und Konkurrenz geht, gibt es auch sexuelle Erpressung und sexuelle Korruption. Was davon nach außen dringt, sind nicht nur Fakten, Gerüchte, Intrigen und Denunziationen, sondern in diesem Fall auch Bilder.

Das alte Hollywood-Kino der dreißiger und vierziger Jahre sprach genau davon: von der gleichzeitigen Unterdrückung und Aneignung von Sexualität. Es war bigott und orgiastisch zugleich. Es erlaubte und verbot. Es ordnete an, was zu zeigen und wovon zu sprechen war und wovon nicht. Tiefenpsychologische Untersuchungen erklärten uns später, wie dieses Abbildungssystem nicht nur mit den Publikumswünschen, dem puritanisch-kapitalistischen amerikanischen Zeitgeist und den Zensurkräften zusammenhing, sondern auch mit den Persönlichkeitsstrukturen der Studiobosse. Diese Moguln des klassischen Hollywood erschufen sich in den Stars förmlich ihre erotischen Ideale, so wie Louis B. Mayer, der die arme Judy Garland mit Kaffee und Abmagerungstabletten füllte, damit sie seiner Vorstellung von einer Kindfrau entsprach. Die Wege über die Besetzungscouch zum vermeintlichen Starruhm wurden vielen jungen Frauen zum Verhängnis. Es gibt Gerüchte über systematischen Kindesmissbrauch bis hin zur tragischen Geschichte des an Kokain und Crack zugrunde gegangenen Corey Haim (Gewinner des Bravo Otto 1989, falls das jemanden interessiert), der einen ungenannten "Hollywood-Mogul" anklagte, ihn in den achtziger Jahren als Kind vergewaltigt zu haben.

Und heute? Die Frage darf, sie muss vielleicht gestellt werden: Wie viel von der sexuellen Soziopathie eines Harvey Weinstein steckt in "seinen" Filmen? Oder andersherum: Wie viel davon wurde schon in Filmen oder Serien (etwa einem sehr expliziten Witz in 30 Rock) ausgeplaudert, um das Weinstein-Geheimnis in aller Offenheit zu bewahren?