Kleine Schwäche all der großen russischen Romane, zumindest in den Augen des deutschen Lesers von heute: zu viele Namen. Viel zu viele Namen. Kann man sich kaum merken. Daran ist schon manche Dostojewski-Lektüre gescheitert. Denn zu den Vornamen, Vatersnamen, Nachnamen kommen noch all die Kosenamen: Maria, Mascha, Maschenka ... Unmöglich, den Überblick zu behalten!

Da müssen auch die Leser und Leserinnen dieses ganz ungewöhnlichen Buches, In einem alten Haus in Moskau, tapfer sein und viel Zeit und ein bisschen Geduld mitbringen. Denn der Streifzug durch 100 Jahre russische Geschichte, wie der Untertitel lautet, wird als genau das erzählt: als russischer Familienroman, und gleich auf der ersten Doppelseite stellen sich gefühlt 100 Mitglieder dieser Familie vor.

Und doch ist es eine einleuchtende Idee der Autorin Alexandra Litwina und der Zeichnerin Anna Desnitskaya, das sowjetische Jahrhundert als Familienepos vor uns auszubreiten. Denn wo immer der Staat fehlt, zusammengebrochen ist oder wo er sich, wie es im Staatskommunismus der Fall war, in krebshafter, alles durchdringender, totalitärer Wucherung selbst zerstört, bleibt dem einzelnen Menschen als Überlebensgarantie und -mittel nur die Familie, die Sippe, der Stamm.

Vor diesem Hintergrund entwickelt das großformatige Buch in vielerlei lose miteinander verschlungenen Kindheits-, Liebes-, Glücks- und Verzweiflungsgeschichten eine einzige große Überlebensgeschichte, die mit zauberhafter Konsequenz am 9. Juni 2002 in einer fröhlichen Geburtstagsfeier für die Ururgroßmutter Marussja Muromzewa endet. Geboren 1910, ist sie das jüngste Kind des Arztes Ilja Muromzew und seiner Frau Jelena, die im Herbst 1902 in die große Wohnung des damals noch neuen Hauses in Moskau eingezogen waren. Unser Blick bleibt ein Jahrhundert respektive 60 Seiten lang auf diese Wohnung gerichtet, auf die Bühne des Familientheaters, zugleich Reflexionsraum, Echokammer der Geschichte.

Jeder Akt, jedes Kapitel bekommt seine Doppelseite. Von Datum zu Datum nimmt das Personentableau zu, vor allem von jener Zeit an, da die große Wohnung nach der Revolution in eine Kommunalka, eine Gemeinschaftswohnung, umgewandelt wird und weitere Menschen hier zwangseinquartiert sind; nicht zu übersehen die wachsende Zahl von Türklingeln, Stromzählern, Klobrillen. Eine zusätzliche Doppelseite zu jedem Datum erläutert historische Anspielungen und die oft längst vergessenen Alltagsdetails.

Dazu wechselt Datum für Datum der kindliche Erzähler. Marussja Muromzewas ältere Schwester Irina erklärt uns die Räume zur späten Zarenzeit, ihr Bruder die Wohnung im Ersten Weltkrieg. Dann kommt die Revolution, später Stalins Terror und der Zweite Weltkrieg, als die Deutschen die Sowjetunion und alle "slawischen Völker" versklaven und schließlich vernichten wollen. Vom Aufbruch der Tauwetter-Periode unter Chruschtschow berichtet uns der kleine Gena Muromzew und von der Agonie der Breschnew-Zeit der junge David Ninoschwili, Urenkel des alten Muromzew. Zuletzt der Bruch: Gorbatschows Triumph und stiller Untergang, eingefangen in einem Bericht des Mädchens Anja Muromzewa vom 19. August 1991, als das Militär vergeblich versucht, zu putschen und die Perestroika zurückzudrehen.

Ein Buch, von Kindern erzählt – und doch kein Buch für Kinder. Man muss schon etwas älter sein, um die oft nur angedeuteten Zusammenhänge zu verstehen. Gerade nichtrussische Leser brauchen da einiges Vorwissen. So kinderbuchhaft vertraut alles hier daherkommt – ein bisschen Wimmelbuch und ein bisschen Erinnerungsalbum –, so bleibt das Buch doch eher etwas für Jugendliche und Erwachsene, das viele Spuren legt und auffordert, weiterzuforschen, nicht zuletzt in den eigenen Familienalben.

Mancher Alltagsmoment wird deutschen Lesern aus sowjetischen Romanen bekannt sein, wie der Kampf um die Privatsphäre in der Zwangs-WG oder die ewigen Spannungen zwischen den eisernen Parteigängern des Regimes, den Opportunisten, den Dissidenten. Anderes hat man noch nie gehört, zum Beispiel den "Rock ’n’ Roll von der Rippe" (Wohnung 1973), der so erklärt wird: "Populäre West-Musik, die man in der UdSSR nicht auf Schallplatte bekommt, wird im Untergrund auf alten Röntgenbildern aufgezeichnet. Das nennt sich dann Musik 'von der Rippe'." Schön aber auch, dass es zur Gegenwart hin mehr und mehr Tiefvertrautes gibt: Schrankwand und Hochbett, Pin-ups und die Elefantenparade aus Porzellan oder Holz, die in den fünfziger Jahren viele deutsche Wohnzimmerregale zierte – nicht zuletzt in Adenauers Rhöndorfer Haus –, vom Spitzendeckchen auf dem Fernseher ganz zu schweigen.

Zum Strandgut der Tage gehören kurze, charakteristische Dialoge, die Autorin Litwina festgehalten hat, gehören Gedichte (Blok, Brodsky, Viktor Zoi ...), Fotos, Aktenschnipsel, gehören Dokumente jeglicher Art. Alles Teile, die in der großen Familiencollage der Muromzews, Schtejns, Ninoschwilis und Simonows zusammenfinden, verbunden durch die Stimmen der kindlich-jugendlichen Erzähler.

Aus ihrer unverstellten Perspektive berichten sie von den Komödien und Tragödien der Zeit, von Verschwundenen, Ermordeten, im Krieg Gefallenen, von Menschen, die verstummen, und von anderen, die das Leben feiern. Und von denen, die immer und überall ihre Geschäfte machen. Es ist eine tragische, komische, heroische Geschichte der Selbstbehauptung und Selbstzerstörung, erzählt auch als Chronik der Wände und Türen und Möbel. Am Ende, da in den vertrauten Räumen längst ein Café mit nostalgischem Schick eingezogen ist – jenes Café, in dem Marussja Muromzewa 2002 ihren 92. Geburtstag feiert –, finden wir als einziges der alten Möbel nur noch das Sofa wieder, das 1902 mit der Familie Muromzew hier Einzug gehalten hatte.

Ein wenig seltsam bleibt es schon, dass die Wohnung nun keine Wohnung mehr ist, sondern dem Kommerz geopfert wurde. Seltsam, die Familie darin sitzen und fröhlich schnabulieren zu sehen. Aber auch vor den Zumutungen des heutigen Russland, der Putinschen Mischung aus neoliberalem Biznestum und altem Despotismus, rettet den Einzelnen wahrscheinlich nur eins: die Familie.

Alexandra Litwina/Anna Desnitskaya (Ill.): In einem alten Haus in Moskau. Deutsch von Thomas Weiler und Lorenz Hoffmann; Gerstenberg Verlag 2017; 60 S., 24,95 €