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Ich treffe häufiger mal Jungs, deren größtes Ziel es ist, reich zu werden. Die damit prahlen, Drogen verkaufen zu wollen oder die Mafia toll zu finden. Alter, sagen sie: Alles, bloß kein Opfer.

Ich hol dann mein Smartphone raus und zeige ihnen YouTube-Videos, Knastalltag in der JVA Tegel. Guckt mal, das war auch ein ganz Harter. Ist das euer Traum? Ihr werdet nicht reich. Ihr kriegt keinen Porsche. Da landet ihr, schaut es euch genau an.

Ihr habt zwei Möglichkeiten, sage ich: Ihr macht euch das Leben selber kaputt. Oder ihr integriert euch, verdammt noch mal!

Ich darf das sagen. Ich habe Erfahrung mit Integration. Genauer: mit Re-Integration.

Sie erinnern sich bestimmt an mich. Ich bin der aus Guantánamo. Der Bremer Türke. Der, der diesen irren Vollbart hatte, als er nach fünf Jahren rauskam.

Ich war 19, als mich eine Patrouille in Pakistan aufgriff, wo ich den Koran studieren wollte – und die Amerikaner mich wenig später in ein Geheimgefängnis nach Kandahar brachten. Bei den Verhören knüpften sie mich an einem Balken auf, mit den Armen nach oben, die Füße ein Stück über dem Boden, so hing ich da, fünf Tage lang. Alle paar Stunden prüfte ein Arzt meinen Puls. Ich war mir sicher, ich würde sterben. In Guantánamo wurde ich fünf Jahre lang jede Nacht von Lautsprechern beschallt und von Scheinwerfern bestrahlt. Ich weiß jetzt, was ein Mensch aushalten kann. Drei Wochen ohne Essen zum Beispiel, drei Wochen ohne richtigen Schlaf.

Zehn Jahre ist das her. Seitdem ist einiges passiert.

Ich halte heute Vorträge im Auftrag von Menschenrechtsorganisationen. Aber vor allem arbeite ich als Sozialarbeiter mit Jugendlichen. Als Kultur- und Sprachvermittler, so heißt das. Ich gehe in Bremer Flüchtlingsheime und unterrichte an Bremer Schulen sogenannte Vorschulklassen, in denen die Jugendlichen Deutsch lernen, ehe sie in die regulären Klassen kommen.

Die Flüchtlinge sind zwischen zehn und 17 Jahre alt. Ich spreche mit ihnen all meine sechs Sprachen: Deutsch, Türkisch, Arabisch, Englisch, Usbekisch und Farsi (die meisten habe ich von Mitgefangenen in Guantánamo gelernt).

Ich bin nicht der Typ, der die Leute mit seiner Meinung behelligt. Aber wenn ich in den letzten zwölf Monaten den Fernseher eingeschaltet habe, dann habe ich da zu viel Gewalt gesehen – und zu wenige, die sich dieser Gewalt entgegenstellen. Wo sind sie, die hier lebenden Türken oder Marokkaner oder Tunesier, die diesen Terror laut verurteilen? Wo ist der Aufstand der Muslime, die in Deutschland leben?

Was ist los mit euch? Das ist unser Gott, dessen Name beschmutzt wird.

Und vor allem: Das ist unser Land!

Ich bin mit drei Geschwistern in Bremen-Hemelingen aufgewachsen, einem alten Arbeiterviertel, zuerst in einer Mietwohnung, dann steckte mein Vater sein Erspartes in ein Reihenhaus. Ich hatte eine schöne Kindheit. Wir spielten auf den Wiesen an der Weser, zwischen alten Bahngleisen und kaputten Hochöfen. Wir aßen Brombeeren, rutschten über Schotterhügel und kletterten in ausrangierte Wohnwagen.

Ich habe eine Mutter, die mir viel Liebe gegeben hat, und einen Vater, der jede Nacht bei Mercedes am Band stand. Tagsüber flüsterten wir nur im Haus, damit er schlafen konnte. Bis er zur nächsten Schicht fuhr, natürlich mit seinem Mercedes. Als ich noch ein Kind war, bin ich mit anderen Muslimen, mit Juden, mit Christen aufgewachsen. Wir waren Freunde, Deutsche und Türken. Erst in der Schule habe ich begriffen, dass ich anders war: ein Ausländerkind. Und trotzdem hatte ich immer das Gefühl, ich gehöre dazu.

Ich weiß, dass die arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen das heute oft anders empfinden.