DIE ZEIT: Herr Pisani-Ferry, Emmanuel Macron soll gesagt haben, wenn in Berlin die FDP an die Macht kommt, sei er erledigt. Nun wird über ein Bündnis zwischen Union, FDP und Grünen verhandelt. Was bedeutet das für das Verhältnis zu Frankreich?

Jean Pisani-Ferry: Das hängt jetzt davon ab, was bei den Koalitionsverhandlungen herauskommt. Auf französischer Seite haben wir einen Präsidenten, der mit einem sehr proeuropäischen Kurs angetreten ist. Er hat während des Wahlkampfs klar gesagt, was er will, und er hat deshalb ein klares Mandat für Veränderungen.

ZEIT: Sind Sie enttäuscht, dass die deutschen Spitzenkandidaten mit Blick auf Europa eher vage blieben?

Pisani-Ferry: In Frankreich waren die Fronten sehr klar. Es gab mit Marine Le Pen eine antieuropäische Kandidatin, und es gab Macron mit einem proeuropäischen Kurs. Erstmals seit Jahrzehnten ist in einem Präsidentschaftswahlkampf offen über das Thema Europa diskutiert worden. Das war gut für die Demokratie und gut für die Rolle Frankreichs in der Europäischen Union.

ZEIT: Inwiefern?

Pisani-Ferry: Die französische Europapolitik war bislang von einer gewissen Ambivalenz geprägt. Man hat weitreichende Reformvorschläge gemacht, aber war nicht bereit, sie innenpolitisch durchzusetzen. Ich bin überzeugt, dass Europa davon profitieren wird, dass Frankreich diese Ambivalenz nun abgelegt hat. In Deutschland ist das alles ein wenig komplizierter: Die wichtigen Entscheidungen wurden im Wahlkampf ja gerade nicht getroffen. Jetzt müssen die politischen Parteien eine gemeinsame Linie finden.

ZEIT: Was schon bekannt ist: Wolfgang Schäuble wird als Finanzminister abtreten. Erleichtert das diese Reformen, oder erschwert es sie?

Pisani-Ferry: Das kommt darauf an, wer sein Nachfolger wird. Schäuble ist ein Politiker mit sehr klaren Positionen – und er ist schon so lange dabei, dass er aufgrund seiner Erfahrungen in vielen Gesprächsrunden den Ton angegeben hat. Jetzt haben wir in Frankreich einen vergleichsweise neuen Finanzminister und bald auch in Deutschland. Dadurch könnten die Dinge in Bewegung geraten.

ZEIT: Sie haben gesagt, Macron sei mit einem proeuropäischen Programm angetreten. Wie ernst nimmt er jetzt die Umsetzung?

Pisani-Ferry: Sehr ernst, das sieht man schon daran, dass er in Vorleistung geht.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Pisani-Ferry: Er hat eine Reform des Arbeitsmarkts durchgesetzt, die umstritten ist. Und er saniert den Staatshaushalt. Noch in diesem Jahr soll das Defizit unter den europäischen Richtwert von drei Prozent der Wirtschaftsleistung fallen. Wegen der geplanten Steuererleichterungen auf Kapitaleinkommen gehen die Einnahmen zurück, deshalb müssen die Ausgaben signifikant zurückgefahren werden. Das trifft viele Menschen, gerade in der Mittelschicht. Die ökonomische Logik dieses Vorgehens: Es dauert eine Weile, bis solche Maßnahmen ihre Wirkung entfalten, deshalb ist es gut, sie möglichst zügig umzusetzen. Aber in der Zwischenzeit könnte der Eindruck entstehen, der Präsident kümmere sich nicht um die einfachen Menschen.