Unerwartet klein ist dieses Porträt, das Jeanne Mammen von sich selber malte, doch hängt es mit seinen 32 mal 22,8 Zentimetern in dieser riesigen Berliner Ausstellung wie ein Senkblei. Eine Frau mit dunklem Bubikopf, ganz in Schwarz. Hintergrund: fast leere Räumlichkeit. Die Hände sind vor dem Bauch verschränkt, das wirkt ein wenig ratlos, so wie ihr Blick, geradeaus gerichtet, ein wenig düster wirkt. Auf diesem Aquarell aus dem Jahre 1926 ist die Malerin Jeanne Mammen 35 Jahre alt und scheint sich zu fragen, wohin die Reise geht, für eine wie sie.

Jeanne Mammen erforschte das wilde Berlin der zwanziger Jahre. Hier: "Zwei Frauen, tanzend", 1928 VG Bild-Kunst, Bonn 2017/Repro: Volker-H. Schneider, Berlin

In Paris aufgewachsen, als Kind deutscher Eltern. Dann, mit Beginn des Ersten Weltkriegs, nach Berlin vertrieben. Da ist Jeanne Mammen schon eine gute Künstlerin. Sie hat an der Académie Julian gelernt und in Brüssel an der Académie Royale des Beaux Arts und an der Accademia di Belle Arti in Rom. Man sieht in dieser Ausstellung ihre Skizzenblocks, Personen, mit kühnem Strich festgehalten und in starken Farben koloriert. Und dann, in Berlin. Wie weiter?

Sie fühlt sich fremd. Sie ist zur Zeit ihres kleinen Selbstporträts eigentlich schon wieder auf die Füße gekommen, mit zarter Grafik für die Modezeitungen. Coffeetable-Blätter. Aber ist es das Ihre?

Sie wird diese Illustrierten-Ladys ausbauen zu scharfen Gesellschaftsstudien, die große Beachtung finden, doch weiß Mammen, als sie 1926 ihr Porträt malt, noch nicht, dass auch dieser Neuanfang bald zunichte sein wird, weil die Nationalsozialisten über die Kunstszene und natürlich über ganz Europa herfallen, dass Jahre kommen, in denen sie sich wie eine Eremitin in ihrem Atelier am Kurfürstendamm verschanzt. Danach – hat sie sich wieder neu erfunden. Erfolgreich! Man wird sie "Madame Picasso" nennen. Auf Fotos trägt sie noch immer Bubikopf. Als Jeanne Mammen 1970 stirbt, ist sie eine gefeierte Künstlerin, die glücklicherweise auch nicht weiß, dass sie bald schon wieder fast vergessen sein wird.

Erst jetzt: die große Retrospektive! Man möchte lachen. Wie oft sind die Frauen der Moderne in den letzten Jahren wiederentdeckt worden, es ist vollkommen bizarr: Die so unterschätzte Paula Modersohn-Becker in Kopenhagen, die eindringliche finnische Künstlerin Helene Schjerfbeck in Hamburg, die so oft aufs Pelztassige reduzierte Meret Oppenheim in Berlin und jetzt Anita Rée in Hamburg und gleichzeitig also Jeanne Mammen in Berlin – man steht vor diesem Reichtum und fragt sich: Wie bitte konnte das aussortiert werden, wie verschwinden?

Fünf große Räume. Die Pariser Zeit, in der Mammen mit ihrer Schwester ein Atelier teilte. Die Skizzenbücher in der Vitrine, zauberhafte Studien, inspiriert von Toulouse-Lautrec und van Gogh. Wenn man kritteln will – diese Skizzenbücher möchte man doch alle aufgefächert haben! Aber man weiß ja nicht, was alles noch kommt und Platz braucht.

Das Berlin er Leben! So heißt ein Magazin, das Mammen mit ihren Damenbildern schmückt. Schmale Wesen, Flapper-Girls, die sich lasziv aneinanderlehnen. Solche Blätter erscheinen in Mode im März oder Die schöne Frau, mal trägt Frau Hose, dann Monokel. Die Blätter gefallen. "Ihre Figuren fassen sich sauber an", schrieb ihr Kurt Tucholsky: "Sie sind anmutig und herb dabei, und sie springen mit Haut und Haaren aus dem Papier."