Der Verleger ist ein junger Mann von 49 Jahren. Die einen behaupten, er habe noch gar keine Eigenschaften, die anderen klagen, er verfüge über zu viele, man sehe überhaupt nicht, was er mit dem Verlag noch alles anstellen wolle. Manchmal lächelt er jungenhaft, aber dann zeigt sich auch diese graue Reife auf seinem Gesicht, die Unmut und Erwartungsdruck hinterlassen, selbst wenn man diese Gespenster wegscheucht. Der neue, immerhin schon vor dreieinhalb Jahren berufene Geschäftsführer für die schöne Literatur, Jo Lendle, ist gemessen am Selbstbild jener Branche, die Gedrucktes unters Volk bringt, eine Nachwuchskraft. Sein Vorgänger war 70, als man ihm den Stuhl vor die Tür setzte. Bücherverlegen gilt als behutsame, gedämpfte und an einem ungeschriebenen Protokoll der Ernsthaftigkeit ausgerichtete Tätigkeit. Es kann sein, dass Lendle gegen dieses Protokoll verstieß, ausgerechnet als neuer Chef des gedämpftesten und soigniertesten literarischen Verlages der Bundesrepublik, Hanser in München.

Denn Hanser ist ein Kronjuwel. Das Publikum erwartet seit vielen Jahrzehnten allerhöchste literarische Qualität von dem Verlag, der von den Buchhändlern geliebt und auch viel bewundert wird, weil er zu den wenigen mittelgroßen Literaturverlagen zählt, die noch immer unabhängig sind, also keinem Medienkonzern gehören. Es ist der Verlag von Philip Roth, Umberto Eco, Orhan Pamuk, Herta Müller und Susan Sontag. Die literarische Welt ist dort noch in Ordnung, und so ist Hanser auch ein Haus, über das man eigentlich wenig weiß. Dann wurde Jo Lendle eingestellt. Von den deutschen Feuilletons, auch vom Feuilleton der ZEIT, wurde er stürmisch begrüßt: ein überfälliger Generationenwechsel, mit jemandem, der bei DuMont ein junges Programm verantwortet hatte.

Ganz anders aber reagierte die Buchbranche. Es gab Gerede, erst leise, dann lauter werdend, am Ende in einer Heftigkeit, die für das diskrete Metier ungewöhnlich ist: Bei Hanser rissen nun sämtliche Traditionsfäden ab, hieß es, der Neue vergraule reihenweise verdiente Autoren, während er vor allem Thesen über die Digitalisierung der Literatur verbreite und leere Ankündigungen mache. Diese Kritik hält sich bis heute, und das ist noch ungewöhnlicher. Da Jo Lendle den Hanser Verlag bisher nicht ruiniert hat, scheint er zu einer Projektionsfigur geworden zu sein. Er ist einer, der tief sitzende Verunsicherungen auslöst, weil er gewollt oder ungewollt für einen Wandel des Verlagswesens steht, für Veränderungen im Geschäft, die ausgesprochen unbehaglich sind, und das ausgerechnet bei Hanser, dem Bollwerk der Beständigkeit.

Ist er ein Verleger, der auf das Buch nicht mehr vertraut?

Tatsächlich verließen renommierte Autoren den Verlag, Thomas Glavinic, Ilja Trojanow, Botho Strauß und Martin Mosebach, der vielsagend meinte, er habe beim Konkurrenten Rowohlt noch einmal "den Enthusiasmus eines Verlegers erleben wollen". Unter der Hand beklagten Autoren Desinteresse an ihrer Arbeit, es kam zu Zerwürfnissen, oft spielten banale Honorarfragen eine Rolle. Dass Autoren aus Anlass eines Personalwechsels ihren Verlag wechseln, ist nicht ungewöhnlich, hier jedoch wurden die Abgänge als Misstrauensvotum gedeutet. Lendle sagt rückblickend: "Als ich mich auf den Wechsel vorbereitete, befürchtete ich im Stillen sogar mehr Weggänge. Die Veränderungen für den Verlag waren in der Tat erheblich, eine ganze Generation langjähriger Führungskräfte ging hier in wenigen Jahren in den Ruhestand." Normale Vorgänge also aus seiner Sicht – und was, wenn sich in ihnen eine Auflösung der eingespielten Beziehung zwischen Autor, Verlag und Verleger abzeichnet, der Verlust eines Grundmodells des Büchermachens, des Kerns des Vertrauens, mit Hanser als Avantgarde des Zerfalls?

Wofür es Indizien zu geben schien. Denn noch gar nicht im Amt, hatte Lendle prognostiziert, es würden "eines Tages auch Literaturen und Erzählweisen entstehen, die wirklich ihre ureigenen Vermittlungsformen in der digitalen Welt haben und in einem Buch gar nicht mehr abbildbar sind". Ein Buchverleger, der aufs Buch nicht mehr vertraut? Die Idee des Self-Publishings von Schriftstellern fand er zumindest "nicht uninteressant". Der Autor als Ich-AG? Das klang alles recht zeitgemäß, aber nicht unbedingt nach dem Geist von Hanser. Solche Äußerungen wurden gehört, kolportiert und als kämpferisches Antrittsprogramm gedeutet. Auch Lendles Vorgänger, der legendäre Michael Krüger, brach den Stab über den Neuen – dergleichen geschieht wie beiläufig, beim Small Talk oder beim Abendessen, es muss nur den Weg in die richtigen Ohren finden. Das Urteil über Jo Lendle stand jedenfalls fest: Der sei kein Kapitän, und Hanser gerate unter seinem Kommando in kabbeliges Wasser.

Es wird insgesamt nicht einfacher, mit Büchern Geld zu verdienen. Die Situation am Buchmarkt verändert sich nachhaltig, einige Verlage kommen damit gut zurecht, keineswegs alle. Die Verkaufsflächen schrumpfen weiter, selbst wenn das große Sterben der Buchhandlungen vorerst gestoppt werden konnte. Gut gemachte Serien auf Sky oder auf Netflix stillen den Hunger nach Erzählstoffen und scheinen das Wort Buch aus den Hirnen zu radieren. Und selbst wenn eine/r noch liest: Die Literatur wird schneller und schneller wieder vergessen, Autoren kommen und gehen, wenige bleiben. Teils verlagert sich das Schreiben bereits ins Netz, wo es sich mit allerlei sozialmedialem Austausch vermischt und neue Genres hervortreibt, während der große, das Ganze der Welt spiegelnde Roman künftig möglicherweise nicht mehr die Zentralsonne der Literatur sein wird – was im Übrigen auch für die Institution der literarischen Verlage gilt, wenn sich Autoren bei Amazon ohne großen Aufwand selbst verlegen können.

Das alles sind Zeichen, die das Endzeitbewusstsein kitzeln, obgleich von einer tief greifenden wirtschaftlichen Krise des Buchmarktes nicht die Rede sein kann. Der Markt schrumpft zwar, konzentriert sich dabei aber auf loyale Leser, die wiederum bereit sind, höhere Preise für Bücher zu bezahlen als früher. Daneben weiß niemand, ob die Digitalisierung die Literatur bereichern oder hinwegraffen wird. Es brodelt jedenfalls ein Kulturkampf im Stillen. Manche Buchhandlung fühlt sich inzwischen wie ein kleines gallisches Dorf mitten in einer von iPhone-Zombies besetzten Welt. Und Lendle – so das Resümee – sei nicht die Antwort auf diese Bedrohung, sondern ein Bestandteil derselben, eben ein unruhiger Geist, der um der bloßen Veränderung willen letzte Gemeinsamkeiten der Lesewelt aufkündige und das Kulturgut Buch an die dunkle Seite des Universums verrate, ans Digitale. Andererseits: Der neue Verleger sprach nur aus, was alle wissen, was aber ungern erwähnt wird. So war und ist die Erwartung an ihn eine doppelte: Er sollte alles neu machen und trotzdem Hanser als Kontinuitätsmodell retten.