Der Verleger ist ein junger Mann von 49 Jahren. Die einen behaupten, er habe noch gar keine Eigenschaften, die anderen klagen, er verfüge über zu viele, man sehe überhaupt nicht, was er mit dem Verlag noch alles anstellen wolle. Manchmal lächelt er jungenhaft, aber dann zeigt sich auch diese graue Reife auf seinem Gesicht, die Unmut und Erwartungsdruck hinterlassen, selbst wenn man diese Gespenster wegscheucht. Der neue, immerhin schon vor dreieinhalb Jahren berufene Geschäftsführer für die schöne Literatur, Jo Lendle, ist gemessen am Selbstbild jener Branche, die Gedrucktes unters Volk bringt, eine Nachwuchskraft. Sein Vorgänger war 70, als man ihm den Stuhl vor die Tür setzte. Bücherverlegen gilt als behutsame, gedämpfte und an einem ungeschriebenen Protokoll der Ernsthaftigkeit ausgerichtete Tätigkeit. Es kann sein, dass Lendle gegen dieses Protokoll verstieß, ausgerechnet als neuer Chef des gedämpftesten und soigniertesten literarischen Verlages der Bundesrepublik, Hanser in München.