Als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich vielleicht Fiktion bin, verbrachte ich meine Tage an einer öffentlichen Bildungsanstalt namens White River High im Norden von Indianapolis, wo ich von fremden Kräften, die so übermächtig waren, dass ich sie nicht ansatzweise identifizieren konnte, dazu gezwungen wurde, jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit mittagzuessen, nämlich zwischen 12 Uhr 37 und 13 Uhr 14. Hätten mir diese Kräfte eine andere Mittagspause zugeteilt oder hätten die Tischgenossen, die mein Schicksal mitbestimmten, an jenem Septembertag ein anderes Thema gewählt, hätte ich womöglich ein anderes Ende gefunden – oder zumindest eine andere Mitte. Doch ich war gerade dabei herauszufinden, dass dein Leben nicht deine Geschichte ist, sondern eine Geschichte über dich.

Natürlich tust du so, als wärst du der Erzähler. Das musst du. Ich beschließe in diesem Moment, zum Mittagessen zu gehen, denkst du, wenn um 12 Uhr 37 das monotone Schrillen von oben klingt. Dabei entscheidet eigentlich die Glocke. Du hältst dich für den Künstler, aber du bist die Leinwand.

In der Cafeteria riefen Hunderte von Stimmen durcheinander, Sprache zu reinem Klang vermischt wie Wasser, das über Felsen rauscht. Und als ich unter den Leuchtstoffröhren saß, die ihr aggressives künstliches Licht über uns auskippten, dachte ich darüber nach, wie wir uns alle für die Hauptfigur in unserer eigenen Heldensaga hielten, obwohl wir im Grunde identische Organismen waren, die einen fensterlosen, nach Schmalz und Desinfektionsmittel riechenden Raum besiedelten.

Ich aß ein Weißbrotsandwich mit Erdnussbutter und Honig und trank ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk namens Dr Pepper. Ehrlich gesagt ekelte mich der Vorgang des Zerkauens von pflanzlichen und tierischen Produkten und ihr anschließender Abtransport durch die Speiseröhre in den Verdauungstrakt, so sehr, dass ich beim Essen krampfhaft versuchte, nicht ans Essen zu denken, was auch eine Art war, daran zu denken.

Mir gegenüber saß Mychal Turner und schrieb in seinen Collegeblock. Unsere Mittagsrunde war wie ein Broadway-Theaterstück, das schon sehr lange lief: Hin und wieder änderte sich die Besetzung, aber die Rollen änderten sich nie. Mychal war der Künstlertyp. Er unterhielt sich mit Daisy Ramirez, die seit der Grundschule meine beste Freundin und Beschützerin spielte, aber wegen des Lärms konnte ich ihrem Gespräch nicht folgen.

Welche Rolle spielte ich in diesem Stück? Ich war die ewige Nebendarstellerin. Die Freundin von Daisy, die Tochter von Ms. Holmes. Ich war der Sidekick.

Ich spürte, wie mein Magen das Sandwich zu verarbeiten begann, und trotz des Lärmpegels konnte ich hören, wie er verdaute, wie sich die Bakterien schmatzend durch den Erdnussbutterschleim fraßen – die Schüler in mir, die in meiner inneren Cafeteria aßen. Ich schauderte.

"Du warst doch mal mit ihm im Ferienlager, oder?", fragte mich Daisy. "Mit wem?" – "Mit Davis Pickett." – "Mhm", sagte ich. "Warum?" – "Hast du nicht zugehört?", fragte Daisy.

Doch, ich habe zugehört, dachte ich. Ich habe der Kakophonie meines Verdauungstrakts zugehört. Ich wusste natürlich schon lange, dass ich der Wirt einer riesigen Menge parasitärer Organismen war, aber ich wurde nicht gerne daran erinnert. An der Anzahl der Zellen gemessen, besteht der Mensch zu über 50 Prozent aus Bakterien, was bedeutet, dass die Hälfte der Zellen, die zu uns gehören, gar nicht unsere sind. Mein Mikrobiom zum Beispiel setzt sich aus tausendmal mehr Mikroorganismen zusammen, als es Menschen auf der Erde gibt, und ich bilde mir häufig ein, ich kann spüren, wie sie in und auf mir leben, sich fortpflanzen und sterben. Ich wischte mir die schweißnassen Hände an den Jeans ab und versuchte, kontrolliert zu atmen. Zugegebenermaßen leide ich unter einer Angststörung, aber ich finde es nicht irrational, wenn einem die Vorstellung zu schaffen macht, eine mit Haut überzogene Bazillenkolonie zu sein.

Mychal sagte: "Sein Vater sollte wegen Korruption oder so was verhaftet werden, aber in der Nacht, als sie ihn verhaften wollten, ist er abgetaucht. Auf seinen Kopf sind 100.000 Dollar ausgesetzt." – "Und du kennst den Jungen", sagte Daisy. "Ich kannte ihn mal", stellte ich fest.

Ich beobachtete Daisy, die ihre Gabel in die mit grünen Bohnen belegte rechteckige Schulpizza rammte und mich dabei immer wieder ansah, mit aufgerissenen Augen, als wollte sie sagen: Und? Ich wusste, dass sie eine Reaktion von mir erwartete, aber ich wusste nicht welche, weil mein Magen einfach nicht zu brodeln aufhörte, was mich tief drinnen zu der Sorge zwang, dass ich mir vielleicht eine Parasiteninfektion zugezogen hatte.

Halb hörte ich, wie Mychal Daisy von seinem neuen Kunstprojekt erzählte, für das er vorhatte, mit Photoshop die Gesichter von hundert Leuten namens Mychal übereinanderzulegen, und das Durchschnittsgesicht, das herauskam, wäre ein neuer – der einhunderterste – Mychal, was eine interessante Idee war, und ich wollte zuhören, aber es war so laut in der Cafeteria, und ich wurde den Gedanken einfach nicht los, dass mit dem Gleichgewicht der Bakterien in meinem Inneren etwas nicht stimmte.