Der russische Regisseur Alexej Utschitel hat einen Film über den letzten Zaren, Nikolaus II. gedreht. In Mathilde geht es um dessen Liebschaft mit der Primaballerina Matilda Kschessinskaja. Der Zar, 1918 von den Bolschewiki erschossen und in Putins erstem Amtsjahr von der russisch-orthodoxen Kirche heiliggesprochen, werde entweiht, behaupten nun christliche Fundamentalisten, die Gefühle Gläubiger würden durch den Film beleidigt. Der Regisseur hat bereits Drohbriefe erhalten, in denen es heißt: Man sei bereit, für Russland zu sterben, und sollte der Film gezeigt werden, die Kinos würden brennen. Molotowcocktails wurden in Utschitels Studio geworfen.

Bevor der Film am 26. Oktober in Russland anlaufen soll, hat sich der Hauptdarsteller Lars Eidinger nun mit einer E-Mail auf Englisch an seinen Regisseur gewendet.

Lieber Alexej,

ich hoffe, es geht Dir gut.

Als Erstes möchte ich Dir mitteilen, dass ich in den vergangenen zwei Tagen in Berlin im Synchronstudio war, um mich vom Russischen ins Deutsche zu synchronisieren, und absolut überwältigt war von dem, was ich bisher von unserem Film gesehen habe. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass wir zusammen ein großartiges Kunstwerk erschaffen haben.

Nach der Pressekonferenz, auf der wir uns zuletzt begegnet sind, hat sich die Lage rund um die Premiere von Mathilde extrem zugespitzt. Ich las, dass Du bedroht wurdest, dass man versucht hat, einen Molotowcocktail in Dein Büro zu schmeißen, und dass zwei Autos vor einem Kino, in dem eine Preview des Films laufen sollte, in Flammen aufgingen.

Wie Du weißt, bezichtigt mich Natalja Poklonskaja hartnäckig, ich sei ein schwuler deutscher Pornodarsteller und Satanist. Im Internet kursieren Videos, in denen man sieht, wie sie Bilder von mir in die Kamera hält. Obwohl ich nicht genau verstehe, was sie sagt, sehe ich einen Hass in ihrem Gesicht, der mich wirklich erschreckt. Ich habe Angst vor diesen Leuten, weil ihr Hass so irrational und fanatisch ist. Sie ist umgeben von Menschen, die sie gegen mich aufhetzen könnte. Menschen, die offensichtlich nicht davor zurückschrecken, Häuser und Autos anzuzünden, und die dabei in Kauf nehmen, Leute wie mich zu verletzen. Sie hat mich zu ihrem Feind auserkoren und zur Zielscheibe ihres Hasses gemacht.

Wie Du weißt, haben wir diesen Film in größtem Bewusstsein und voller Respekt für Nikolaus II. gedreht. Ich habe meine ganzen Fähigkeiten, meine Emotionen, Anstrengungen und Energien in dieses Projekt hineingelegt, um diesem komplexen Charakter gerecht zu werden. Ich habe meine Familie fast zwei Jahre lang allein gelassen, um diesen Film zu machen. Es mag absurd klingen, aber ich glaube, ich liebe ihn (den Zaren, Anm. d. Red.) genauso sehr, wie diese Leute es tun, aber als ein menschliches Wesen in seiner Fehlbarkeit und nicht als einen Heiligen. Ich wünschte mir, sie würden sich den Film anschauen. Vielleicht würden sie dann verstehen und ihre Meinung ändern.

All diese Bilder von mir, mit denen sie hantieren – ich, wie ich mir eine Wurst in den Hintern schiebe, ich, mit Dreck beschmutzt, ein mit "Jesus" beschrifteter Starbucks-Becher in einer Mülltonne –, haben immer denselben Hintergrund. Dass wir in einer Gesellschaft leben, die ihre gesamten Werte und ihren Glauben verloren hat. Dass Popstars und Modelabels zu den neuen Ikonen geworden sind, die wir anbeten. Dass wir nicht essen, weil wir Hunger haben, sondern weil wir uns vollstopfen wollen. Dass es keinen Unterschied macht, ob wir uns das Essen in den Mund oder in den Arsch schieben. Es geht um Völlerei. All diese Gedanken kommen aus künstlerischen Kontexten, aus Theateraufführungen oder Filmen, in denen ich jemand anderen spiele. Die Werte dieser zumeist fiktiven Figuren haben nicht unbedingt etwas mit meinen eigenen Auffassungen zu tun. Manchmal stellen sie sogar das genaue Gegenteil dar. Ich bin aber Künstler geworden, weil ich an die Menschlichkeit glaube und weil ich aufrichtig sein will. Und nicht um Leute zu provozieren oder ihre Gefühle zu verletzen.

Ich schreibe Dir, weil ich nach allem, was geschehen ist – auch nachdem diese beiden Männer mich reingelegt haben, indem sie sich als Kirill Serebrennikow ausgaben und mein Mitgefühl missbrauchten, um meinem Ruf zu schaden (zwei russische Komiker hatten am Telefon gegenüber Eidinger vorgegeben, der inhaftierte Theaterregisseur Kirill Serebrennikow zu sein, Anm. d. Red.) –, beschlossen habe, nicht an der Premiere von Mathilde teilzunehmen und nicht nach Russland zu kommen. Mir ist bewusst, dass man nun sagen könnte, ich hätte das Feld und die Macht diesen Leuten um Natalja Poklonskaja überlassen, und sie habe diesen Kampf gewonnen. Aber ich kämpfe nicht. Das ist mir viel zu gefährlich, und ich habe Angst. Ich habe eine Verantwortung gegenüber meiner Frau und meiner Tochter, und selbst wenn das Risiko nicht sehr groß ist, dass mich jemand verletzt, kann ich es nicht eingehen. Glaube mir, es bricht mir das Herz.

Aufrichtig

Dein Lars

Aus dem Englischen von Michael Adrian