Ach, hätte Heinrich Heine, der große Romantiker, die Zeile "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht" doch nie gedichtet. Gern wird sie seit dem Erstarken der AfD im Osten (aber auch im Westen) von angejahrten Linksintellektuellen mit bildungsbürgerlichem Seufzer zitiert, um die vermeintliche Zerrissenheit unseres Landes zu beklagen. Schick ist es geworden unter satt, grau und bürgerlich gewordenen linken Vordenkern von einst, ums Vaterland zu bangen. Dabei war den meisten das Vaterland bis dahin herzlich wurscht, galten Heimatgefühle als anrüchig, ja, reaktionär: Man wollte nichts von Heimat wissen, geschweige denn in ihr etwas Schützenswertes erkennen.

Doch gerade unter den West-Linken von gestern kann man nun eine neue deutsche Liebe zur Nation beobachten. Da gefallen sich linke Vordenker wie Rüdiger Safranski, Peter Sloterdijk oder der Schauspieler Christian Berkel in der Rolle des Renegaten. Da wird offen mit der neuen Rechten und dem alten Konservativismus kokettiert. Da gilt alles, was gestern noch piefig und spießig war, heute als mutig und modern. Da will man einerseits mit der AfD nichts zu tun haben, gibt aber andererseits gern zu, dass man mit Gender-Gedöns, Islam und Flüchtlingen ein Problem hat, wenn nicht mehr.

Seit den seligen Rebellentagen des Jahres 1968 glauben diese West-Linken, das Patent zu haben auf politischen Protest. Man gefällt sich in der Rolle des Gegenkultur-Lobbyisten, der dem gesellschaftlichen Mainstream tapfer widersteht. Doch was tun, wenn die Weltsicht von gestern nun selbst als Mainstream gilt und die überkommene Piefigkeit als Protestkultur der Gegenwart firmiert? Da muss man geschmeidig sein im Weltbild, um weiterhin dagegen sein zu können. Da muss man das politische Vorzeichen wechseln, um die alte Widerborstigkeit neu zu entdecken in sich.

Es scheint fast so, als ginge ein Aufatmen durch das Lager der alten Linken. So als hätten sie das wohlige Gefühl des Widerstands, das ihnen auf dem Marsch durch die Institutionen am Wegesrand abhandenkam, in den letzten Jahrzehnten schmerzlich vermisst. Wie einen alten Freund heißen sie die politischen Protestler von heute willkommen, umschmeicheln sie, glauben, sich wiederzuerkennen in der Wut der anderen – einer Wut, die sich gegen alles richtet, wofür sie selbst stehen. Dabei mögen sich die neuen Altlinken an die eingeübten Parolen des einst verehrten Mao-Tsetung erinnern, des linken Heros aus alten 68er-Studententagen. "Nur wer gegen den Strom schwimmt", schrieb der, "gelangt zur Quelle." Bloß: Gegen die linke Jugend-Rebellion von einst wirkt der neue rechte Zorn von links wie eine Seniorenübung in Selbstverleugnung oder, um im Mao-Bild zu bleiben, wie Bahnenschwimmen in der villaeigenen Gegenstromanlage. Man fühlt sich wohl dabei, hart gegen sich und besonders gegen andere zu sein.

Wie konnte es nur so weit kommen? Vielleicht ging es vielen Linken in den letzten Jahren wirklich zu gut in Deutschland. Des Siegens und Linksseins müde, blinken sie auf einmal rechts aus Überdruss. Als Gewinner der Geschichte ruhen sie dabei weich auf ihren Gesundheitsmatratzen, zitieren Heine und geben vor, an der Lage zu kranken, obwohl sie in Wahrheit kerngesund sind. Kurz: Sie weiden sich am vermeintlichen Leid des Vaterlands, ohne selbst allzu sehr daran zu leiden.

Man kann ihre demonstrative Widerborstigkeit in Sachen Zeitgeist durchaus als nationalen Weltschmerz-Anfall sehen. Tatsächlich hat die Wiederentdeckung des politischen Protestes manches neokonservativen Linken etwas sehr Romantisches und auch typisch Deutsches. Schließlich gehört das Lamento über den Verfall der Sitten wie die Loreley zum deutschen Weltkulturerbe – oder sollte jedenfalls offiziell dazu gehören. Nur versuchten sich die Romantiker, auch Heine, ein Deutschland herbeizusorgen, das es damals gar nicht gab, das höchstens als Möglichkeit in einigen Literaten-Köpfen existierte. Ihr Deutschland-Lamento hatte etwas Progressives. Der Fluchtpunkt der Romantiker lag bei aller Deutschtümelei im Morgen, nicht im Gestern. Ihr Deutschland war ein Konstrukt, ein Ideal, ein Wolkenkuckucksheim, das jedoch Wirklichkeit werden sollte. Die Ambivalenz zwischen der realen Liebe zum Vaterland auf der und der idealisierten Vorstellung von demselben auf der anderen Seite prägt Deutschland bis heute.

Dass nun jedoch ausgerechnet diejenigen über Deutschland die heißesten Tränen vergießen, deren Schäfchen es mit am trockensten haben, gehört mit zu den bizarrsten intellektuellen Ausformungen des romantischen Weltschmerzes. Viele der deutschen Linken, die ihre Liebe zu Deutschland gerade entdecken, leiden ja nicht an der real existierenden politischen Situation des Landes, sondern am Leid selbst. Die wirklichen Probleme, Ängste und Nöte der Menschen in Cottbus, Rostock oder Dresden interessieren sie nur als Folie für die Bestimmung ihrer eigenen Befindlichkeit.

Über ein waberndes Befremden über die Lage im Allgemeinen und sich selbst im Besonderen kommen sie meist nicht hinaus. Deshalb fehlt dem neuen Patriotismus der alten Linken auch die alltagsrelevante Größe, er bleibt Kopfgeburt.

Insoweit geht es den Altlinken, anders als den Romantikern, nicht um ein Deutschland, das wirklich zu erschaffen ist, sondern um eines, dass lediglich als Unwohlsein existiert und geformt ist aus Erinnerungen, Selbstzweifeln, Langeweile und dem Wunsch, noch einmal zu erleben, was es heißt, nicht zum Establishment zu gehören, obwohl man natürlich doch dazu gehört. Um dieses gefühlte, mehr psychologisch als politisch interessante Deutschland muss man sich nachts nicht um den Schlaf bringen. Das hat bereits Wolf Biermann erkannt. "Ich dachte an Deutschland in der Nacht", kommentierte der Heinrich Heines romantische Sorge zum Vaterland, "und stocherte in der Asche / Doch wer behauptet, ich hätte geweint / Der lügt sich was in die Tasche."