Der Mann, der mit 31 Jahren Bundeskanzler werden könnte, sitzt in einem großen Zelt, auf einer improvisierten Bühne, nur einen Steinwurf von der Grenze zu Slowenien entfernt. Die kleine Gemeinde Spielfeld im Süden der Steiermark ist ein neuralgischer Ort für die österreichische Flüchtlingspolitik – und für den rasanten Aufstieg des Sebastian Kurz. Im Oktober 2015, auf dem Höhepunkt der Krise, kamen an manchen Tagen bis zu 6.000 Flüchtlinge in Spielfeld an. Dort, wo Kurz nun Wahlkampf führt, wurden sie verpflegt, in einem zweiten Zelt registriert, etwas weiter warteten Busse, um die Flüchtlinge weiterzubringen, viele nach Deutschland.

Die Zelte sind stehengeblieben, auch die Dixi-Klos. Wer weiß, wofür sie noch einmal gebraucht werden. Draußen tauchen Flutlichtmasten die abendliche Szenerie in ein grelles Licht. Flüchtlinge sind in Spielfeld schon lange nicht mehr registriert worden, doch im Zelt drängen sich an diesem Abend zwei-, dreihundert Neugierige, viele sind Anhänger der Österreichischen Volkspartei (ÖVP). "Diese Region hat viel erlebt und mitmachen müssen", versichert ihnen Kurz, der ÖVP-Chef, und fährt fort: Er glaube, als Außenminister habe er seinen Beitrag geleistet, um die Dinge zu ordnen. "Ich habe gegen Widerstand versucht, die Westbalkanroute zu schließen. Viele, die mich damals kritisiert haben, haben sich später bei mir bedankt."

Österreich erlebt in diesen Tagen einen frivolen Wahlkampf. Sozial- und Christdemokraten, die seit zehn Jahren gemeinsam regieren, überziehen einander gegenseitig mit Klagen. Der Bundeskanzler veröffentlicht ein Video von einem Stammtisch, um dort "gute Nachrichten" zu verkünden, etwa ein Burka-Verbot. Ein Rechtsradikaler verschenkt im Fernsehen Blumen und Barbecuesaucen.

Man würde die Nachbarn mit ihren Affären und Barbecuesaucen gerne allein lassen, doch das geht nicht. Denn in Österreich findet gerade ein politischer Feldversuch statt, der in Europa seinesgleichen sucht.

Die Frage, wie man den Nationalisten und Autoritären beikommen kann, hat bereits die Wahlen in Frankreich und den Niederlanden geprägt. Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte hat ein wenig nach rechts geblinkt und den Populisten Wilders damit vergleichsweise klein gehalten. Emmanuel Macron hat umgekehrt mit feurigem Herzen für ein liberales, weltoffenes Frankreich (und Europa) und gegen Marine Le Pen gekämpft. In Deutschland streitet die Union nach dem Erstarken der AfD darüber, ob sie die "rechte Flanke" schließen soll – oder eben nicht.

Kann man Rechts mit Rechts bekämpfen, und wie weit soll man dabei gehen? Kein Wahlkämpfer hat diese Frage bislang so eindeutig beantwortet wie der Österreicher Kurz.

Sebastian Kurz ist der Mann, der die Balkanroute geschlossen hat – auch deshalb ist er nach Spielfeld gekommen. Denn hier stand die Grenze nicht nur lange offen, hier wurde sie auch geschlossen. Im November 2015 verabredete die österreichische Regierung, in Spielfeld einen vier Kilometer langen Zaun (kein Stacheldraht!) zu errichten. Während Berlin und Brüssel für eine "europäische Lösung" der Krise kämpften, griff Wien zu nationalen Maßnahmen.

Die Schließung der Grenzen ist Kurz’ politisches Kapital, der Kern der Marke, aus dem alles Weitere folgt, womit er für sich wirbt: dass er die Sorgen der Menschen ernst nimmt; dass er früher als andere erkannt hat, was in der Flüchtlingskrise notwendig sei; dass er sich von Widerständen nicht abbringen lässt, auch nicht von Angela Merkel. Über die möglichen Folgen der Grenzschließung machte sich Kurz schon damals keine Illusionen: "Es wird hässliche Bilder geben." Wenn es nur Bilder gewesen wären.

Ferdinand Maier, 66, war einmal Generalsekretär der ÖVP, zehn Jahre lang hat er für die "Schwarzen" im Nationalrat gesessen. Ein freundlicher Herr mit scharfem politischen Verstand, sitzt man ihm gegenüber, muss man unwillkürlich an den jüngst verstorbenen deutschen CDU-Politiker Heiner Geißler denken. Im Sommer 2015 ernannte die Regierung Maier zum Co-Koordinator für die Flüchtlingskrise.

Österreich hat 2015 etwa 90.000 Menschen aufgenommen, in Relation zur Bevölkerungszahl waren das mehr als in Deutschland. Maier schwärmt noch immer von der "unglaublichen Leistung der Zivilgesellschaft". In der Bevölkerung habe er "alles andere als Angst und Schrecken" erlebt. 23.000 Notquartiere wurden in kurzer Zeit geschaffen, rund 600.000 Freiwillige haben geholfen und sich engagiert. "Auf die sollte man aufbauen", sagt Maier und zürnt: Stattdessen werde ein Wahlkampf geführt, wie man das Land am besten abschotten könne.

Die Wahlkämpfer, voran der Kanzlerkandidat Kurz, bedienen die niederen Instinkte, statt die positiven Energien zu heben – so der Vorwurf. Maier hat seine Mitgliedschaft in der ÖVP schon vor einiger Zeit ruhen lassen; jetzt berät er die Neos, eine der kleinen liberalen Parteien.