An einem Küchentisch in Bremen sitzen diejenigen, die für den Niedergang der deutschen Rechtschreibung verantwortlich sein sollen. Ein nettes älteres Paar, er trinkt Tee, sie Kaffee. 16 Jahre lang hat Erika Brinkmann als Professorin in Baden-Württemberg Grundschullehrern gezeigt, wie sie Erstklässlern Schreiben beibringen sollen. Seit ein paar Tagen ist sie im Ruhestand. Die letzten Monate, sagt sie, waren die stressigsten. "Ich musste unser Lebenswerk retten."

Wenn in Deutschland über Rechtschreibung diskutiert wird, geht es meist um die Arbeit von Erika Brinkmann und Hans Brügelmann, der neben ihr am Tisch sitzt. Vor fast 35 Jahren hat Brügelmann, ebenfalls emeritierter Professor für Grundschuldidaktik, ein Buch mit dem Titel Kinder auf dem Weg zur Schrift geschrieben. Es gilt als das Werk, das Deutschlands umstrittenster Unterrichtsmethode zum Durchbruch verhalf: dem Schreiben nach Gehör.

Am 13. Oktober wird das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin eine aktuelle Studie darüber präsentieren, wie gut deutsche Viertklässler im Lesen, Schreiben und Rechnen sind. Erstmals werden die Forscher sagen können, wie sich die Leistungen seit 2011 verändert haben. Eins lässt sich dabei unabhängig von den Ergebnissen schon prognostizieren: Sollten nur in einem Bundesland die Schüler schlechter schreiben als zuvor, wird es wieder eine Debatte über Rechtschreibung geben.

Um wenige Themen wird an Schulen, in der Politik, an Küchentischen so heftig gestritten wie über die Bedeutung der Rechtschreibung. Die Haltung zur Orthografie ist ein Persönlichkeitstest, der zeigt, wie wichtig Menschen Normen und Regeln sind. Ist die Rechtschreibung zentrale Kulturtechnik oder bloß Hilfsmittel, Texte lesbarer zu machen? Diese Frage scheidet zuverlässig Konservative und Linke, jene, die sich über kindgerechte Pädagogik freuen, und jene, die den Niedergang der Kultur fürchten. Stets im Zentrum: das Schreiben nach Gehör.

2016 hatte das IQB die Entwicklung der Deutschleistungen der Neuntklässler untersucht. In keinem Bundesland ließ sich ein signifikanter Rückgang der Rechtschreibleistung feststellen. Doch weil Baden-Württemberg in dem Test insgesamt im Länderranking abgestürzt war, schrieb die dortige Bildungsministerin Susanne Eisenmann (CDU) einen Brief an die Schulen, in dem sie ihren Unmut über das Schreiben nach Gehör äußerte. Nach den Regierungswechseln in Schleswig-Holstein und NRW wird auch dort darüber nachgedacht, die Methode zu verbieten.

Wer nach den Wurzeln des Schreibens nach Gehör sucht, landet im gehobenen Hamburger Stadtteil Eimsbüttel, an der Grundschule Rellinger Straße. Hier unterrichtete bis zu seiner Pensionierung 2006 der inzwischen verstorbene Reformpädagoge Jürgen Reichen. Jahrzehntelang hat er seine Ideen in Fortbildungen in ganz Deutschland verbreitet. Er war eine wesentliche Inspiration für Brügelmanns Werk.

Kinder lernen umso mehr, je weniger sie belehrt werden, lautet Reichens berühmtester Satz. Sein Credo: Didaktische Maßnahmen bremsen das Lernen, Kinder erarbeiten sich den Lernstoff selbst. Er wetterte gegen klassischen Rechtschreibunterricht mit einer Fibel, bei dem jede Woche ein neuer Buchstabe gelernt wird. Wer sich die Welt der Schrift so nach und nach erschließt, kann erst im zweiten Schuljahr schreiben, was er ausdrücken will. Das ist mühsam.

Mühsames Lernen fand Reichen schlecht. Kinder sollten sich Schreiben mithilfe einer Anlauttabelle lieber selbst beibringen. Laut für Laut setzen die Kinder dabei Wörter zusammen, indem sie sich aus der Tabelle anhand von Bildern die richtigen Buchstaben suchen: ein E für den Esel, ein S für die Sonne. Das funktioniert. Schnell können Kinder so ihre Gedanken zu Papier bringen, nach wenigen Wochen entstehen ganze Texte. Von der Rechtschreibung sind diese allerdings weit entfernt: In ihnen steht etwa "Fata" statt Vater oder "zumbeischbil" statt zum Beispiel.