Der Grünen-Politiker Robert Habeck über Prüfungen und Glücksbringer

DIE ZEIT: Herr Habeck, war das Abi Ihre härteste Prüfung?

Robert Habeck: Nein. Es war die Zeit danach, die mich herausgefordert hat: der Zivildienst. Ich habe in einem Heim mit mehrfach schwerstbehinderten Bewohnern gearbeitet. Und das hätte ich, ein 18-Jähriger aus bürgerlichem Haus, der bis dahin ein unbekümmertes Surferleben geführt hat, sonst wahrscheinlich nie im Leben getan. Ich weiß noch genau, wie schwer es mir am Anfang gefallen ist, die Menschen aus den Betten herauszuheben, ihnen den Rücken abzuspülen und sie an den intimsten Stellen zu waschen.

ZEIT: Wie haben Sie das hinbekommen?

Habeck: Es gab einen Vorbereitungskurs für Zivis. Auf den Alltag hat der mich allerdings nicht vorbereitet. Ich wurde nach zwei Tagen zum ersten Mal für die Nachtschicht eingeteilt und war mit den Bewohnern allein. Das war die bisher größte Herausforderung in meinem Leben. Ich bezweifle seitdem, dass es gut ist, sein Leben durchzukeulen, Abitur zu machen, zu studieren, einen Beruf zu ergreifen und schon mit 24 ein gutes Einkommen zu haben. Alles dem Maßstab der Verwertbarkeit zu unterwerfen, finde ich fürchterlich. Es ist wichtig, dass man sich Zeit nimmt, das Leben auch in seinen Abgründen mitzubekommen. Also lasst euch nicht hetzen, Leute!

ZEIT: Sie empfehlen einen Freiwilligendienst?

Habeck: Ein Freiwilligendienst ist super. Oder wenn man reist und auch mal draußen schläft oder eine Weile mit knurrendem Magen herumlaufen muss, bis der nächste Bäcker kommt – das sind Erfahrungen, die sollte man sich zumuten. Jetzt, als Minister, bin ich auch für das Freiwillige Ökologische Jahr zuständig, das sind ungefähr 140 Plätze in Schleswig-Holstein. Vögel zählen, Wattwanderungen organisieren und vieles andere – diese Aufgaben übernehmen die Freiwilligen. Das erdet.

ZEIT: Sie haben sich erst vor einigen Jahren entschlossen, in die Politik zu gehen. Warum?

Habeck: Ich habe Philosophie studiert, bin Schriftsteller geworden, habe früh Kinder bekommen. Irgendwann konnte ich vom Schreiben gut leben, wusste, wo ich wohnen bleibe – und genau in dem Moment, als alles richtig gut war, habe ich gemerkt, dass mir diese auf mich selbst bezogene Lebensform einfach nicht mehr genügt. Und dann bin ich zu den Grünen gegangen.

Habeck: Energiewende, Deichbau, Tierschutz – Sie kümmern sich um völlig unterschiedliche Themen. Wie überstehen Sie Momente, in denen Sie sich unvorbereitet fühlen?

Habeck: Inzwischen passiert das seltener, weil ich im sechsten Jahr als Minister über das meiste schon diskutiert habe. Aber natürlich kommt es vor, dass ein Thema völlig neu für mich ist. Ich gebe dann einfach zu, dass ich etwas nicht weiß. Mein Job ist es nicht, der bessere Bauer, Ingenieur oder Fischer zu sein, sondern gesellschaftliche Prozesse zu organisieren.

ZEIT: Was war Ihre bisher größte Niederlage?

Habeck: Dass ich die Urwahl bei den Grünen nicht gewonnen habe. Da habe ich viel investiert, und ich hätte das gern gemacht. Ich hatte eine Idee, wie wir Grünen uns in dieser Zeit entwickeln sollten – und es hat knapp nicht funktioniert.

ZEIT: Fällt es Ihnen schwer, vor vielen Menschen eine Rede zu halten?

Habeck: Es ist immer wieder aufregend. Ich sage dann zu mir selbst: Jetzt bist du Minister, du musst die Rede halten, jetzt gehst du nach vorne und hältst sie. Man kann sich quasi selbst zwingen, seine Unsicherheit zu überwinden, durch leichte, kleine Tricks: nicht am Pult festhalten, nicht nach vorne gebeugt stehen, die Füße fest auf den Boden stellen, mit langsamer, ruhiger Stimme sprechen, und zwar wesentlich langsamer als normalerweise.

ZEIT: Haben Sie Glücksbringer?

Habeck: Ich bin anfällig für Rituale. Als ich angefangen habe, im Landtag zu reden, habe ich Dinge wiederholt, wie Fußballer, die immer mit dem gleichen Fuß den Platz betreten. Im gleichen Hotel schlafen, das gleiche Hemd anziehen. Ich hatte ein schwarzes Hemd, das ich auf Parteitagen so lange getragen habe, bis es so schäbig und zerrissen war, dass ich es nicht mehr anziehen konnte. Inzwischen habe ich es aussortiert – und es klappt auch mit anderen Hemden oder T-Shirts. Ich weiß schon, dass das Aberglaube ist.

ZEIT: Hören die Prüfungen irgendwann auf?

Habeck: Das wäre sehr schade. Denn eine Zeit ohne Prüfungen bedeutet Stillstand. Ich würde ungern mein Abitur noch einmal schreiben und Fragen zur Genstruktur der Fruchtfliege beantworten müssen. Aber geprüft und herausgefordert werden möchte ich jeden Tag aufs Neue.