DIE ZEIT: Herr Hoffmann, woran erinnern Sie sich als Erstes, wenn Sie an Ihr Studium denken?

Benno Hoffmann: An meinem ersten Tag als Student bin ich in eine Buchhandlung gegangen, um mir den Schönfelder zu kaufen, ein juristisches Standardwerk. Die Buchhändlerin beriet mich und sagte dann, dass ich für fünf D-Mark im Monat noch ein Abo der ZEIT bekommen könnte. Das fand ich gut. Ich habe die aktuelle Ausgabe mitgenommen und sie auf dem Weg nach Hause in der Hochbahn gelesen. Da habe ich, ehrlich gesagt, wenig verstanden. Ich dachte: Das fängt ja gut an. Am nächsten Tag habe ich mir einen Duden gekauft.

Benno Hoffmann: Hat der geholfen?

Hoffmann: Etwas. Aber ganz ehrlich: Ich habe mich während der ersten drei Semester nicht zurechtgefunden. Es hat mir ja keiner gesagt, wie das geht: studieren. Die Professoren standen vorn und lasen vor. Das war so deprimierend und langweilig. Die Professoren hatten noch ein anderes Selbstverständnis. Wenn die in einen Fahrstuhl stiegen, durfte man als Student nicht mit einsteigen. Daran hielt sich auch jeder.

ZEIT: Frau Brandt, was denken Sie, wenn Sie das hören?

Rosa Brandt: Bei mir im Studium haben viele Probleme, zurechtzukommen. Und diesen Zwang zur Selbstorganisation empfinde ich auch. Ich bin in einem sehr großen Studiengang, mit bis zu 350 Leuten pro Semester. Ich kannte keinen aus meinem Studiengang, fast jeder saß anfangs allein in der Vorlesung.

Ronald Deckert: Wir haben uns damals in Gruppen zusammengesetzt und uns gegenseitig geholfen. Gibt es das bei euch nicht?

Brandt: Eher selten, glaube ich.

ZEIT: Es heißt doch immer, die Studiengänge seien heute so verschult.

Brandt: Unser Studiengang nicht. Ich studiere Sozialökonomie, das besteht aus BWL, VWL, Soziologie und Jura. Jeder würfelt sich seinen Studiengang komplett selbst zusammen. Das ist einerseits klasse, weil jeder seinen Weg geht. Andererseits ist man sehr auf sich gestellt, weil keiner denselben Weg geht. Ich muss im nächsten Jahr noch zwei BWL-Kurse machen und hab 35 Kurse zur Auswahl.

Hoffmann: So viel Auswahl hatten wir in Jura nicht. Wir hatten Pflichtvorlesungen. Daneben konnte man sich alles Mögliche aus dem Vorlesungsverzeichnis raussuchen, das schrieb man dann in sein Studienbuch, das zählte aber nicht, das war zum eigenen Spaß. Es gab damals viele renommierte Professoren in Hamburg. Die hatte man teilweise angelockt, indem man ihnen als Dienstsitze große Häuser in den Elbvororten zur Verfügung stellte. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mir große Persönlichkeiten anzuhören: den Wirtschaftswissenschaftler und späteren Wirtschaftsminister Karl Schiller. Oder Carl Friedrich von Weizsäcker, da war das Audimax voll. Wir saßen auf den Stufen.

ZEIT: Das haben Sie freiwillig gemacht?

Hoffmann: Ja, das gefiel mir besser als mein Studiengang. Ich habe zwar nichts verstanden, was von Weizsäcker dort sagte, aber es war so unglaublich, wie der Mann vortrug.

Brandt: Das gibt es bei uns kaum noch. Heute folgt man dem Motto "Bekommst du für den Kurs keine Creditpoints, gehst du nicht hin". Die erste Frage, die meistens an den Dozenten gestellt wird, ist: Was kommt in der Klausur vor? Der Selbstzweck des Studiums geht verloren. Viele sehen das Studium als Investment, um am Ende irgendwie einen gut bezahlten Job zu bekommen. Schade.

ZEIT: Warum ist das so?

Brandt: Gute Frage. Ich besuche ab und an andere Veranstaltungen. Aber es ist gar nicht so einfach herauszufinden, wo wann was stattfindet. Und es überschneidet sich natürlich mit der Freizeit. Ich mache zum Beispiel sehr viel Sport, muss dazu auch noch arbeiten, da bleibt nicht mehr viel Zeit.

ZEIT: Ein paar Zahlen: In den neunziger Jahren hat der durchschnittliche Student pro Woche 18 Stunden Lehrveranstaltungen besucht und 18 Stunden für sein Selbststudium verwendet. Heute sind es durchschnittlich 15 Stunden Lehrveranstaltungen und immer noch 18 Stunden Selbststudium. Trotzdem halten 70 Prozent der Studenten die Belastung des Studiums für zu hoch. Sie auch?

Brandt: Wir haben nach dem Abitur so viele Möglichkeiten, das überfordert viele junge Menschen schlicht, glaube ich. Aber einigen Stress machen wir uns selbst. Ich merke das an meinem Umfeld, dass wir uns gerne beschweren. Manchmal ertappe ich mich selbst dabei, dass es einfacher wäre, mit dem Lernen anzufangen, anstatt ein halbes Jahr rumzuheulen.

Deckert: Ich fand Physik immer toll und wollte zeitweise gar nichts anderes machen. Ich habe jede Stunde genossen. Das war oft wie im Film: Im Dunkeln am Schreibtisch, nur eine Lampe brennt, und man rechnet eine Aufgabe. Das war toll!

Hoffmann: Bei uns war das anders. In bierseliger Stimmung haben wir uns gegenseitig davon abgehalten zu arbeiten. Viele haben heimlich was getan, denn du durftest nicht zu erkennen geben, dass du arbeitest – ansonsten warst du ein Streber. Das war das Schlimmste, da warst du verpönt. Mit einem Streber wollte kein Mensch etwas zu tun haben.

Deckert: Oh, bei uns galt nur einer als Streber: Der hat mal eine Differenzialgleichung entwickelt, um die Verspätung von Bussen und ihre Abstände zueinander zu berechnen.

Brandt: Ich bewundere das, wenn jemand für seinen Studiengang lebt und da Interesse zeigt. Das finde ich toll, diese Energie. Bei dem Begriff Streber geht es heute vielleicht mehr um die Angst, dass jemand anderes mehr macht, dich überholt. Ich habe gehört, dass in anderen Fächern Studenten mit einem Edding durch die Lehrbücher gehen und Sachen durchstreichen, nachdem sie sich das abgeschrieben haben, damit die anderen das nicht nachlesen können. Oder dass in der Bibliothek wichtige Bücher versteckt werden. Unfassbar!

Deckert: Das gab es bei uns nicht. In unserer Bibliothek standen zwei Ordner. Jeder hat aufgeschrieben, was er in der mündlichen Prüfung gefragt wurde, was er geantwortet und welche Note er bekommen hat. Das konnte man dann nachschlagen: Was hat der Professor so und so in den letzten zehn Jahren so gefragt?

Brandt: Manchmal wird das Gefühl vermittelt, als könne am Ende nur einer gewinnen. Nur die Besten bekommen eine Eins. Und wenn man selbst dem Druck nicht standhalten kann, sorgt man eben dafür, dass die anderen weniger schaffen. Nur so kann ich mir dieses Phänomen erklären. Unsere Generation denkt teilweise sehr widersprüchlich.