Fulbert Steffensky

Alle, die vor einem gehen, lehren das Sterben

Ich bin vierundachtzig Jahre alt und werde in sehr absehbarer Zeit sterben. Nicht dass ich im Augenblick eine akute Krankheit hätte. Aber mit vierundachtzig bleibt, was noch an Zeit kommt, eine lächerliche Frist. Nicht die blanke Zahl 84 lehrt mich die Nähe des Todes, vielmehr noch lehren es all die Menschen, die kaum älter waren als ich, die aber schon tot sind: meine verstorbene Frau, der enge Freund, der im letzten Jahr gestorben ist, viele andere Freundinnen und Weggefährten. Es lehren mich die Nähe des Todes auch die jungen Menschen, mit denen ich umgehe, meine Enkel und meine Kinder. Sie lehren es mich durch ihre pure Jugend. Alle, die vor mir gegangen sind, sind meine Sterbelehrer. Indem sie gestorben sind, lehren sie mich, dass man sterben kann; dass es offensichtlich eine schwere Aufgabe ist, aber keine unmögliche. Sie haben es gekonnt, so werde ich es auch können, in sehr absehbarer Zeit.

Ehrlich gesagt, ich kümmere mich nicht besonders um meinen Tod. Ich werde nicht an meiner Beerdigungsliturgie basteln, mich nicht um meinen Nachlass kümmern außer dem Notwendigsten: das Testament und eine Vorsorgeverfügung. Die Menschen, die ich liebe, sollen nach meinem Tod keine unnötigen Unsicherheiten haben. Es ist mir gleichgültig, ob ich verbrannt oder begraben werde. Es ist mir nur insofern nicht gleichgültig, als es nicht gleichgültig für die Menschen ist, die ich hinterlasse. Ich bin eher skeptisch der intensiven Bekümmerung um Sterben und Tod gegenüber. Ich meide die Selbstpflege, die sich noch bis ins Sterben und den Tod erstrecken kann. Um eines habe ich doch gebeten: dass man mir bei meinem Sterben Paul Gerhardts Wenn ich einmal soll scheiden singt. Ich habe es meiner Frau an ihrem Sterbebett gesungen; sie hat es ihrer Mutter beim Sterben gesungen. Das ist eine tröstliche Kette, in der ich gerne ein Glied bin.

Fulbert Steffensky, Jahrgang 1933, lehrte als Professor Religionspädagogik in Hamburg.

Gesine Schwan

Die Vorstellung, einfach einzuschlafen, hat etwas von Erlösung

Am letzten Sonntag haben wir ein Lied in der Messe gesungen: Es handelt davon, dass das Jahr jetzt zur Mitte gekommen ist und damit schon wieder zur Neige geht. Es macht uns darauf aufmerksam, dass alles vergänglich und endlich ist und dass wir abnehmen, aber Gott immer zunimmt oder immer Frühling ist. Die Hoffnung richtet sich darauf, an seiner Auferstehung teilzunehmen. Diese Vergänglichkeit, das Ableben, das Negative wird aufgefangen in der Auferstehung. Zugleich wird gesagt, man soll der Vergänglichkeit ins Auge sehen. Den Dingen ins Auge zu sehen, das war mir in meinem Leben immer wichtig.

Ich habe keine konkrete Vorstellung von einem Leben nach dem Tode, allerdings schließe ich das nicht aus. Ich denke, es ist möglich, und es gibt sehr vieles, was möglich ist, was wir uns nicht vorstellen können, auch dass mit dem Tod nicht alles beendet ist. Darüber hinaus, dass man hoffen kann, im Gedenken der anderen positiv zu bleiben oder eine Hilfe zu sein. Furchtbar fände ich ein Leben nach dem Tode mit Fegefeuer und Hölle. Das ist mir ganz fern, und das 22. Kapitel von Augustins Gottesstaat über die ewige Verdammnis fand ich immer schrecklich.

Es schreckt mich nicht, nicht mehr da zu sein oder kein Bewusstsein mehr zu haben. Ich bin nachts keine gute Schläferin, und es gehört für mich zu den schönen Momenten, wenn ich merke, ich kann einschlafen. Deswegen hat das etwas von Glück und Erlösung und Frieden, einfach einzuschlafen. Ich graule mich nicht davor, oder es erschreckt mich nicht, nicht mehr physisch da zu sein. Aber es ist mir eine schöne Eröffnung oder eine schöne Möglichkeit, noch irgendwie da zu sein, ohne dass ich mir das jetzt genau vorstellen muss. Die Auferstehung des Leibes sich vorzustellen ist schwer. Aber das Einschlafen ist schon schön.

Gesine Schwan, Jahrgang 1943, kandidierte 2004 und 2009 für das Amt der Bundespräsidentin.

Hans Küng

Es ist eine Gnade, bis zum Ende das Vertrauen zu bewahren

Seit Augustinus spricht man von der "Perseverantia", dem Durchhalten und Ausharren bis zum Ende, als einer besonderen "Gnade": die gratia perseverantiae finalis. Ich hoffe darauf, dass sie mir geschenkt wird, diese besondere Gnade, bis zum Ende das Vertrauen zu bewahren. Wenn es mir geschenkt sein sollte, möchte ich gerne bewusst sterben und mich menschenwürdig verabschieden. In Dankbarkeit, in Erwartung und im Gebet.

Ewig jung bleiben? Ich glaube nicht an ein endloses Leben auf dieser Erde. Aber ich glaube an ein ewiges Leben. Und das ist etwas grundsätzlich Verschiedenes: Ein unendliches Leben meint ein Leben in der Unendlichkeit, in der Ewigkeit. Das heißt: Ich möchte nicht endlos leben, möchte nicht eine unbeschränkte Verlängerung des irdischen Lebens in Zeit und Raum. Ich hoffe auf ein unendliches Leben: in einer völlig anderen, unsichtbaren Dimension, in der Dimension Unendlich, ein vollkommen verwandeltes Leben in Gottes Ewigkeit. Das Bild dafür, das mich schon lange begleitet: Die der Erde verhaftete Raupe wird sich eines Tages aus dem irdischen Kokon befreien und in wunderbaren Farben als Schmetterling frei dem Himmel entgegenfliegen.

Dass ich in ein ewiges Leben hineinsterbe, das mit der Wirklichkeit Gottes identisch ist, kann ich nicht beweisen. Dazu kann ich nur in einem vernünftigen Vertrauen Ja sagen. Vernünftig, weil ich es keineswegs als vernünftige Lösung ansehe zu behaupten, dass Welt und Mensch aus dem Nichts kommen und ins Nichts gehen. Sinnlos, vernunftlos, von Anfang bis Ende: Nein, das will mir nicht in den Kopf. Aber wenn ich mich doch getäuscht haben sollte und ich nicht in Gottes ewiges Leben, sondern in ein Nichts eingehe? Dann hätte ich, so habe ich es oft gesagt und bin davon überzeugt, jedenfalls ein besseres und sinnvolleres Leben geführt als ohne diese Hoffnung.

Hans Küng, Jahrgang 1928, lehrte als Professor Ökumenische Theologie in Tübingen.

Rita Süssmuth

Wir zerfallen nicht nur zu Staub, etwas bleibt

Sterben verbinde ich nicht mit Hölle und Fegefeuer. Eher: Kann ich überhaupt standhalten? Reicht das aus, was ich gelebt habe, um Gottes Erbarmen zu finden? Ich gehe nicht davon aus, wir zerfallen nur zu Staub und nichts bleibt. Für mich hat die Seele noch einen anderen Charakter als der Körper. Das Danach ist die Zeit, in der wir erfahren werden, was wir ein Leben lang nicht wissen. Denn wir leben vom Prinzip Hoffnung, von den Zusagen.

Grundvertrauen beruht immer auf bestimmten Aussagen und Zusagen, mit denen wir täglich leben, und das ist ganz entscheidend für die Hoffnung, dass unser irdisches Leben mit aller Widersprüchlichkeit, die uns gegeben ist, in einem größeren Ganzen aufgehoben ist. Aber es beruht auch auf der Freiheit, die uns gegeben ist. Oft wird die Freiheit als liberalistisch missverstanden: Jeder kann machen, was er will. Freiheit ist eingebunden in eine Ordnung, die wir uns immer wieder neu geben und aushandeln müssen, um sie in eine bessere Form zu bringen, damit sie menschenwürdig ist, eine verantwortete Freiheit.

Was bleibt, worauf hoffe ich? Dass es sich lohnt, sich zu engagieren, sich einzusetzen. Ich wünsche mir, dass Menschen in der größten Not immer auf andere Menschen stoßen, die ihnen weiterhelfen. Bis hin zu Gott selbst, denn es gibt in der neueren Theologie gerade dieses Umdenken, dass nicht nur die Menschen Gott brauchen, sondern Gott auch die Menschen. Liebt Gott, und lebt in seinem Geiste! Da ist ein liebender Gott, das ist mir ein ganz wichtiger Gedanke. Der Mensch steht nicht allein, ist nicht verloren. Gott rechnet nicht auf und zählt nicht die Einzeltaten, sondern schaut, was dieser Mensch in seinem Leben mit den Höhen und Tiefen angefangen hat. Wir sind ein Leben lang auf der Suche, und ich wünsche mir, dass ich bis hinein in meine Sterbestunde auf der Suche bleibe.

Rita Süssmuth, Jahrgang 1937, war von 1988 bis 1998 Präsidentin des Deutschen Bundestages.

Alle vier Texte stammen aus dem Buch "Als flögen wir davon", herausgegeben von Nikolaus Schneider, das zur Frankfurter Buchmesse im Kreuz-Verlag erscheint.