Der Journalist, der in einem Café in der Leipziger Südvorstadt seine Geschichte erzählt, bezeichnet sich selbst als "Kollateralschaden". Als Kollateralschaden einer Affäre, die nicht nur diese Stadt erschüttert, sondern ein ganzes Bundesland, den Freistaat Sachsen. Zum Interview ist der Redakteur der Leipziger Volkszeitung nur unter der Bedingung bereit, dass sein Name nicht in der Zeitung genannt wird: "Als Journalist habe ich mit Quellen zu tun, die unerkannt bleiben möchten. Ich kann es mir nicht leisten, dass Gesprächspartner in mir denjenigen sehen, der von der Polizei abgehört wurde", sagt er.

Es war im November des vergangenen Jahres, als der Reporter von abgeschlossenen Ermittlungen gegen Personen im Umfeld des linken Leipziger Fußballvereins Chemie Leipzig erfuhr. Er begann, darüber zu berichten: Dresdens Generalstaatsanwaltschaft war gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgegangen, darunter Fans und Vorstandsmitglieder von Chemie Leipzig. Die Gruppe, so vermuteten es die Staatsanwälte, sollte für Gewaltstraftaten gegen Personen aus dem rechtsextremen Spektrum verantwortlich sein. Es wurde das schwere Arsenal der Strafprozessordnung aufgefahren: Telefonüberwachungen – sogenannte TKÜs – und Observationen. Die Ermittler griffen dabei 56 118 Verkehrs- und 838 Bestandsdatensätze ab. Mindestens 240 Bürger wurden bei Telefongesprächen abgehört. Allein die, wie man sagt, verfahrensrelevanten Gesprächsprotokolle füllen 41 Aktenbände. Nach monatelangen Abhörmaßnahmen in einem dreijährigen Ermittlungsverfahren ergab sich am Ende: keine Anklage. Nichts.

Der LVZ-Redakteur, der schon früher im Umfeld von Chemie Leipzig recherchiert hat, sagt: Anfangs habe ihm die Staatsanwaltschaft mitgeteilt, Journalisten seien von Abhörmaßnahmen nicht betroffen gewesen. "Dann hieß es: Es gab Einzelfälle, aber alles wurde gleich gelöscht. Dann stellte sich heraus: Es wurde nicht alles gelöscht."

Erst im Juli 2017, nach acht Monaten der Recherche, habe ihm derselbe Staatsanwalt, mit dem er als Journalist regelmäßig über den Fall gesprochen habe, mitgeteilt, dass er, der LVZ-Reporter selbst, ebenfalls abgehört worden sei; dass womöglich mehrere seiner Recherche-Telefonate mitgeschnitten wurden: weil er beruflich mit Mitgliedern des Vereins telefoniert hatte, deren Anschlüsse überwacht wurden. Angeblich sei der Behörde die Anschrift des Reporters nicht bekannt gewesen. Daher habe man ihn nicht früher informieren können.

Jetzt, sagt der Journalist, wolle er schon genau wissen: "Wie viele Gespräche waren das? Was war der Inhalt?" Bislang sei ihm das völlig unklar. Sein Anwalt hat Antrag auf Akteneinsicht gestellt.

Die Abhöraffäre Chemie Leipzig: Medien und Fußballfans, aber auch Politiker sprechen von einem "Abhörskandal", der sich hier ereignet habe; der Fall zog im Sommer deutschlandweit Kreise. Der Verdacht: Haben die Ermittlungsbehörden die Rechte von Berufsgeheimnisträgern wie Journalisten, Anwälten und Ärzten verletzt? Was rechtfertigt solch einen immensen Ermittlungsaufwand? Und: Wurden Gesprächsprotokolle tatsächlich mindestens verspätet gelöscht? Natürlich darf und soll jede Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnehmen, wenn sie vermutet, dass sich, wo auch immer, eine kriminelle Vereinigung gebildet hat. Das Besondere an diesem Fall ist: Die Staatsanwaltschaft hat sich außerordentlich lange im linken Milieu umgetan, ohne dass ein Verdacht sich bestätigt hätte. Und sie hat sich offenbar nicht an alle Regeln gehalten. Die Regeln besagen, dass Ermittler zwar die Gespräche von Verdächtigen abhören können, wenn ein Richter das erlaubt hat. Auch Telefonate. Die Regeln besagen aber ebenfalls, dass Gespräche mit sogenannten Berufsgeheimnisträgern nur unter bestimmten Bedingungen verwendet werden dürfen – und insbesondere auch Gespräche mit Journalisten in der Regel gelöscht werden müssen. Dass, außerdem, die betreffenden Personen über die Abhörmaßnahmen informiert werden. All das ist nicht geschehen.