In Zeiten, in denen Päpste zurücktreten, hat die Figur des Camerlengo ein besonderes Gewicht. Der Kardinalkämmerer, der früher in erster Linie den Tod eines Pontifex feststellte, führt die katholische Kirche durch die Sedisvakanz, die Zeit zwischen dem Tod des Amtsinhabers und der Wahl seines Nachfolgers. Wenn eines Tages Papst Franziskus aus dem Amt scheidet, muss Jean-Louis Tauran die Arbeits- und Privatzimmer von Jorge Bergoglio im Vatikangästehaus Santa Marta versiegeln. Der französische Kurienkardinal, derzeitiger Camerlengo, führt dann die Staatsgeschäfte des Heiligen Stuhls, wird die Beratungen vor der Papstwahl und auch das Konklave in der Sixtinischen Kapelle vorbereiten.

Jeder Papst sucht sich einen Camerlengo aus, dem er blind vertraut. Dass sich Franziskus im Jahr nach seiner Wahl für den 74-jährigen Franzosen Tauran entschied, gilt als typische Bergoglio-Geste. Tauran leidet an Parkinson, als dienstältester Kardinaldiakon verkündete er im März 2013 von der Mittelloge des Petersdoms die Wahl des Argentiniers, seine Stimme überschlug sich dabei. Viele lachten über den schrulligen Kardinal. Franziskus hingegen vertraute dem Kranken die vorübergehende Führung der Kirche nach seiner Zeit an. "Wer auf Tauran zielt, zielt auf den Papst", munkelt ein hoher Prälat im Vatikan.

Fünf Wochen ist es nun her, seit in der italienischen Presse ein Dokument veröffentlicht wurde, das über den Fall der 1983 entführten und seither vermissten Vatikanbürgerin Emanuela Orlandi Auskunft geben soll. Die 15-Jährige war damals mitten in Rom auf dem Weg zur Musikschule verschwunden und tauchte nie wieder auf. Gerüchte umranken seither die Affäre. Das nun veröffentlichte Papier enthält eine detaillierte Aufstellung der Kosten, die der Vatikan für die geheime Unterbringung des Mädchens und die "Erledigung finaler Akte" aufgebracht haben soll. Es klingt schauerlich. Verstörend ist auch, dass der heutige Camerlengo einer der beiden Adressaten des auf 1998 datierten Schreibens ist. Wenn es authentisch wäre, könnte die katholische Kirche in eine ihrer schwersten Krisen schlittern.

Wahrheit oder Fälschung? Es sind Tage in Rom, in denen man Fiktion und Realität kaum voneinander unterscheiden kann. Die meisten Kenner der Szene, darunter auch der Investigativjournalist Emiliano Fittipaldi, der das Dossier veröffentlicht hat, schätzen das Papier inzwischen eher als Fälschung ein. Zu viele Ungereimtheiten beinhalte es, zu viele formale Fehler, aber das Schreiben ist von einem Detailreichtum, mit dem nur ausgezeichnete Kenner der Vorgänge im Vatikan aufwarten können. Zudem soll es aus einem Tresor der Präfektur für die ökonomischen Angelegenheiten des Heiligen Stuhls stammen, in den im März 2014, ein Jahr nach der Wahl von Papst Franziskus, eingebrochen wurde. Die Räuber hätten seither Material in der Hand, mit dem sie Bischöfe und Kardinäle erpressen könnten, heißt es. Aber wer setzt mit gefälschtem Material den kranken Jean-Louis Tauran unter Druck, den früheren Vatikan-Außenminister und den einflussreichen Giovanni Battista Kardinal Re, den zweiten Adressaten des Schreibens? Wieder einmal bietet der Kirchenstaat Stoff, den sich ein Krimiautor nicht besser ausgedacht haben könnte.

Ob es sich wirklich um einen Angriff auf Franziskus oder um einen Machtkampf handelt, dessen Konturen sich noch nicht ganz erschließen, ist unklar. Gewiss ist, dass der Vatikan inzwischen das dritte Kapitel einer Affäre erlebt, die der frühere Vatikansprecher Federico Lombardi einst "Vatileaks" taufte. Es begann mit Paolo Gabriele, dem Kammerdiener seiner Heiligkeit, der 2012 Dokumente vom Schreibtisch Benedikts XVI. klaute und an die Presse weitergab. Im Juli 2016 wurden der spanische Prälat Lucio Ángel Vallejo Balda und die italienische PR-Agentin Francesca Immacolata Chaouqui von einem Vatikangericht wegen der Weitergabe geheimer Dokumente verurteilt. Der Prozess, bei dem auch Enthüllungsjournalist Fittipaldi und sein Kollege Gianluigi Nuzzi angeklagt waren, ging als "Vatileaks II" in die Annalen ein. Die Veröffentlichung des Orlandi-Dokuments markiert nun einen neuen Höhepunkt der geheimen Machenschaften hinter den Vatikanmauern. Nicht nur Kritiker sehen das so. Auch der Franziskus eng verbundene Vatikanberichterstatter Andrea Tornielli wittert einen Mix aus "Gift, kodifizierten Nachrichten und Erpressungen". Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass auch bei den gegenwärtigen Auseinandersetzungen im Vatikan Geld eine entscheidende Rolle spielt.

Camerlengo Tauran ist einer engsten Vertrauten des Papstes, wenn es um die Finanzen des Heiligen Stuhls geht. Franziskus bestätigte den Chef des päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog nach seinem Amtsantritt als einzigen Kardinal in der Aufsichtskommission für die Vatikanbank. In diesen Tagen geht im Vatikan fernab der Schlagzeilen ein Prozess zu Ende, der es in sich hat. Für die Renovierung der Dachgeschosswohnung des früheren Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone sollen Manager des Vatikan-Kinderkrankenhauses Bambino Gesù Fonds in Höhe von mehr als 400.000 Euro veruntreut haben. Bertone sei von der Anklage ausgenommen worden, weil man einen Dominoeffekt befürchte, der noch größere Abgründe ans Tageslicht bringen würde, sagen Insider. Die Finanzen sind auch im fünften Amtsjahr von Papst Franziskus, der einst von einer "armen Kirche für die Armen" träumte, die Achillesferse der katholischen Kirche.

Es sollte ein großer Wurf werden, als Papst Franziskus im Februar 2014 eine neue Finanzstruktur für den Heiligen Stuhl ankündigte. In den Beratungen vor der Papstwahl 2013 hatten Dutzende Kardinäle angemahnt, der Vatikan müsse Ordnung in seine Konten bringen, sonst verliere die Kirche noch mehr an Glaubwürdigkeit. Franziskus nahm sich diesen Auftrag zu Herzen, er versuchte alte Mechanismen zu durchbrechen und installierte eine Art Aufsichtsrat für die Vatikanfinanzen, den sogenannten Wirtschaftsrat unter Vorsitz des Erzbischofs von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx. Dem Rat wurde das Wirtschaftssekretariat unter der Leitung des australischen Kardinals George Pell unterstellt. Ein Rechnungsprüfer sollte zudem die undurchsichtigen Bilanzen der mehr als 100 Körperschaften des Vatikans durchforsten. Der neu geschaffene Schlüsselposten wurde mit dem italienischen Fachmann Libero Milone besetzt.