Seit acht Jahren steht er in Verbindung mit ihnen. Tauscht Nachrichten aus, erhält Informationen, die es nicht geben dürfte, erfährt von staatlichen Repressalien, von denen niemand jemals erfahren sollte. "Diese Menschen gehen ein immenses Risiko ein", sagt Collin Anderson. Diese Menschen sind Bürgerrechtsaktivisten im Iran, die über Missstände in einer Gesellschaft berichten, die sich zwar wirtschaftlich öffnet, nach innen abweichende Meinungen aber weiterhin brutal unterdrückt. Anderson sitzt in Washington, im Herzen des Erzfeindes. Wüssten die iranischen Autoritäten von dem Kontakt, drohte Andersons Gesprächspartnern das Gefängnis oder womöglich Schlimmeres.

Dass die iranischen Behörden gern erfahren würden, mit wem die Menschenrechtsaktivisten sich austauschen, daran besteht für Anderson kein Zweifel. "Sie werden gezielt ausspioniert. Ihr Gegner ist der Staat." Anderson, 32, sagt das sehr ruhig. Der US-Amerikaner mit dem schulterlangen blonden Haar neigt nicht zur Aufgeregtheit, das bringt sein Job mit sich. Anderson arbeitet als unabhängiger IT-Sicherheitsberater. Vor allem aber ist er einer der Gründer von Security Without Borders, übersetzt "Sicherheit ohne Grenzen".

Seit Ende 2016 gibt es die Organisation, die nicht nur dem Namen nach an die Ärzte oder Reporter ohne Grenzen erinnert. Auch Security Without Borders operiert weltweit und orientiert sich an Idealen. Das Ziel ist, Menschenrechtlern, Whistleblowern und anderen Gruppen zu helfen, dem digitalen Teil ihrer Arbeit sicher nachzugehen – selbst wenn die äußeren Bedingungen widrig sind. "Es gibt Dutzende Links, Handbücher und Ratgeber für generelle Maßnahmen, die für alle Nutzer gleichermaßen gelten. Zum Beispiel, wie man seine E-Mails verschlüsselt", sagt Anderson. Seine Organisation lege den Fokus darauf, sich gezielt auf das zu konzentrieren, was für einzelne Gruppen wichtig ist. Während manche Blogger vor Spionage geschützt werden müssen, kommen andere gar nicht erst an staatlichen Firewalls vorbei ins freie Internet.

Das Kernteam von Security Without Borders besteht aus einem guten Dutzend Experten, die verteilt über den Globus in Berlin oder Boston sitzen, schon Spionagekampagnen der NSA aufgedeckt haben, zu IT-Sicherheit forschen oder in NGOs arbeiten. In mehreren Städten haben sich weitere IT-Fachleute zusammengeschlossen, die sich ebenfalls an den Zielen von Security Without Borders orientieren. Sie alle arbeiten in ihrer Freizeit für die gute Sache. Langfristig gehe es darum, so Anderson, "ein ehrenamtliches Netzwerk aufzubauen, das in der Lage ist, die digitale Kommunikation aller Gruppen abzusichern, die von uns Hilfe brauchen".

Im Grunde ist es der alte Kampf zwischen David und Goliath, zwischen dem einzelnen Menschen und den staatlichen Organen. Dabei ist Security Without Borders nicht einmal selbst in der Rolle des David. Vielmehr sind die IT-Experten jene, die dem David mit ihrem Wissen die Steinschleuder in die Hand drücken, in der Hoffnung, das Kräfteverhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Staat zurechtzurücken. Ein wenig mehr und vor allem bessere Gegenwehr, das möchten Andersons Mitarbeiter den Aktivisten ermöglichen. Schließlich stehen diese sonst, ob in China, Russland oder im Iran, einem oftmals übermächtigen Gegner gegenüber.

Doch Aktivisten, die auf Missstände hinweisen wollen, haben es nicht nur in Diktaturen und autoritären Staaten schwer. Auch die westlichen Demokratien verfolgen Whistleblower teilweise gnadenlos. Die prominentesten Beispiele dafür sind Edward Snowden und Chelsea Manning. Snowden veröffentlichte Dokumente, aus denen hervorging, dass der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst NSA Bürger genauso bespitzelte wie verbündete Regierungen. Angeklagt wurden in der Folge der Veröffentlichung nicht die Geheimdienste, sondern Snowden. Der tauchte in Russland unter. Manning wiederum übergab der Internet-Plattform WikiLeaks Dokumente, in denen gezeigt wurde, wie die US-Armee im Irak folterte. Dafür wurde sie zu 35 Jahren Haft verurteilt. Als Präsident Obama sie gegen Ende seiner Amtszeit begnadigte, hatte Manning schon sieben Jahre im Gefängnis gesessen.

Ein einziger falscher Klick beeinflusste die Präsidentschaftswahl in den USA

Snowden, WikiLeaks oder NSA sind zu den bekanntesten Schlagworten des Überwachungszeitalters geworden. Eines Zeitalters, in dem der Bundestag gehackt und der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf von geleakten Informationen beeinflusst wird. Wenn Facebook die Einstellungen der Privatsphäre seiner Nutzer verändert, betrifft das eine Milliarde Menschen.

IT-Sicherheit geht heute jeden etwas an, denn das Netz ist auch Schauplatz krimineller Machenschaften. Es reicht, in einer E-Mail auf den falschen Link zu klicken.

"Die Angriffe sind oft wirklich banal", sagt Collin Anderson. So banal, dass auf den großen Bühnen der Hacker-Konferenzen jahrelang fast niemand darüber sprach. Es musste erst der Rechner des Wahlkampfchefs von Hillary Clinton, John Podesta, auf diese Weise gehackt werden. Ein einfaches Fake-Googlemail-Konto, in das Podesta sein Passwort eingab und Hackern damit Zugriff auf mehr als 20.000 E-Mails ermöglichte. Erst da horchte die Öffentlichkeit auf.