"When the wind blows" nennt die Fotografin Ying Tang eine Serie, aus der diese Aufnahme stammt. © Ying Tang

Nur die Schweine sehen den Wind, sagt man gerne in England. Doch natürlich hat das Borstenvieh keinen besonderen Windsensor. Die hellsichtigen Schweine sind nur eine Erfindung des Dichters und Satirikers Samuel Butler aus dem 17. Jahrhundert. Tatsächlich zeichnet sich der Wind, anders als alle anderen Elemente, bis heute durch seine Unsichtbarkeit aus. Was wir sehen und hören, ist stets nur seine Wirkung: wehende Gräser, davonfliegende Hüte, flatternde Fahnen oder umgestürzte Bäume – so wie in der vergangenen Woche, als das Sturmtief Xavier halb Norddeutschland lahmlegte.

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 Stundenkilometern zog der orkanartige Sturm übers Land, riss Ziegel von den Dächern und ließ Bäume auf Autos stürzen. Am Ende waren sieben Tote zu beklagen und mehrere Verletzte; Tausende von Reisenden strandeten in Bahnhöfen, weil der Zugverkehr teils tagelang unterbrochen war. Allein in Kassel stellte die Bahn Hotelzüge für rund tausend Passagiere bereit, die über Nacht nicht weiterkamen. Erstaunt konnte man konstatieren, wie anfällig selbst eine hochtechnisierte Gesellschaft für die Launen der Elemente ist .

Sicher, verglichen mit Hurrikan Harvey, der im Sommer Houston verheerte, nahm sich Xavier zahm aus. Dennoch rief er uns mit einem Schlag die enorme Energie ins Bewusstsein, die im Wind steckt. Von sanft und schmeichelnd bis zu böse und brutal kann er alle Register ziehen, er gilt, einerseits, als abzuwehrende Gefahr und, andererseits, als hoffnungsvolle Kraft der Energiewende, die wir in riesigen Windkraftanlagen mit über 80 Meter langen Flügeln einzufangen versuchen.

Erstaunlicherweise entzieht sich der Wind trotz seiner Allgegenwart aber noch immer einem vollständigen wissenschaftlichen Verständnis. Zwar lässt sich ein, zwei Tage im Voraus die Zugbahn eines Sturmtiefs einigermaßen gut vorhersagen (wie im Falle von Xavier), drei bis vier Tage vorher sehen Meteorologen, wenn sich etwas Orkanartiges aus den Druck- und Temperaturunterschieden zwischen Kalt- und Warmluft zusammenbraut. Aber wie sich ein Sturm im Einzelnen entwickelt, welche Bahn er genau nimmt und was für Auswirkungen er hat, bleibt im Detail unvorhersehbar.

"Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht", heißt es im Evangelium des Johannes (Joh. 3, 8). So würde das Joachim Peinke natürlich nie ausdrücken. Doch auch der Physiker vom Oldenburger Zentrum für Windenergieforschung (ForWind) schlägt sich mit der Frage herum, woher der Wind weht und wie man ihn exakt berechnet. "Gerade lokale Ereignisse sind extrem schwer zu prognostizieren", sagt Peinke und stöhnt über das "Jahrtausendproblem", das sich im Phänomen der Turbulenz verbirgt.

Der Umgang mit den Kapriolen des Windes ist etwa eine der größten Herausforderungen beim Betrieb von Windkraftanlagen. "Wenn zum Beispiel der Wind plötzlich umspringt, während das System gerade etwas anderes erwartet, kann die Hölle los sein, gerade bei großen Windstärken", beschreibt Peinke den Worst Case. Am meisten zu schaffen machen ihm dabei gar nicht die großen Sturmtiefs wie Xavier, die mit Macht übers Land ziehen. "Deren Bahn lässt sich grob sehr gut vorhersagen", erklärt Peinke, darauf können sich Betreiber von Windkraftanlagen einstellen und die Rotoren im Zweifelsfall vorsorglich aus demWind drehen. Nein, was ihm Kopfzerbrechen bereitet, sind eher die kleinen, sehr starken lokalen Windböen, die auch bei verhältnismäßig ruhigen Wetterlagen auftreten können und die am Boden zu unvorhersehbaren Turbulenzen neigen. "Wenn Turbulenzen sich entsprechend der Wahrscheinlichkeit entwickeln würden, das wäre toll!", sagt Peinke. Es sind die "vielen kleinen Tornados" in den Turbulenzen, die er nicht im Griff hat.

Es kann zum Beispiel passieren, dass mehrere Wochen hintereinander schlagartig Böen auftreten, mit denen Statistiker nur alle 100.000 Jahre rechnen. Und jedes Mal rumst es im Rotor, dessen volle Fläche dem plötzlichen Windstoß ausgesetzt ist. Gerade große Windräder dreht man nicht so schnell aus dem Wind, wenn eine unerwartete Sturmböe kommt. Manchmal ist es klüger, auf kurzzeitige Starkwinde gar nicht zu reagieren. Das Chaos im Stromnetz ist erheblich, wenn viele Megawatt plötzlich abgeschaltet werden. Man kann nicht bei jedem heranziehenden Stürmchen prophylaktisch die Anlage stilllegen. Leicht passiert es, dass der Wind es sich kurzfristig anders überlegt und in einigem Abstand vorbeizieht.

Manchmal hilft nur noch hoffen und beten – wie an Pfingsten 2014 in Düsseldorf

Doch wie ist es möglich, dass sich der Wind unserem Zugriff entzieht? Dass er uns immer wieder entgleitet, sich nicht um Statistiken und Gaußsche Normalverteilung schert, sondern uns urplötzlich mit seiner Macht überrascht, um sich dann ebenso plötzlich wieder in die sanfte Windstille zu verabschieden? Gar nicht zu reden von jenen rätselhaften Phänomenen wie den Downbursts – plötzlich auftretenden schweren Fallböen aus kalter Luft, die man sich in der Regel nur nachträglich erklären kann. Da hilft dann nur noch hoffen und beten, wie an Pfingsten 2014 in Düsseldorf, als der Gewittersturm Ela jeden vierten Baum der Landeshauptstadt umwarf und sie für Stunden unerreichbar machte.

Kein Wunder, dass die Frage nach Gestalt und Wesen des Windes die Menschen von jeher beschäftigte. Etwas, das sich den Blicken entzieht, aber zugleich große Macht hat – natürlich wurde der Wind im überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte für eine Gottheit gehalten.