Wir hätten da jetzt auch mal einen Vorschlag – nein, keine Sorge, er ist nicht ernst gemeint: Reißen wir doch Sasel ab! Städtebaulich gesehen sind Einfamilienhäuser nichts als Platzverschwendung. Ein Neu-Sasel, fünf Stockwerke hoch, würde alle Hamburger Wohnraumprobleme für Jahrzehnte lösen.

Aber müssten die Saseler Hausbesitzer diesem Umbau nicht zustimmen? Tja.

In dieser Woche, nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, hat die Bürgerschaft aller Voraussicht nach einen Plan beschlossen, der kaum weniger kühn ist als unsere Idee. An den lautesten und schmutzigsten Hauptverkehrsstraßen der Stadt, in diesem Kontext "Magistralen" genannt, sollen Gewerbegebäude und niedrige Wohnhäuser abgerissen werden, um neuen, fünfstöckigen Häuserzeilen Platz zu machen. Hunderttausend neue Wohnungen sollen so entstehen. Auch hier geht es um Gebäude und Flächen, die weit überwiegend Privatbesitz sind. Die Immobilieneigentümer, das setzt der Plan voraus, werden schon mitmachen.

Ein Plan für hunderttausend neue Wohnungen würde normalerweise jahrelang erörtert. Die jüngste Idee der rot-grünen Stadtentwickler dagegen kommt nahezu aus dem Nichts und ist dennoch schon beschlussreif. Sie zeigt darum vor allem eines: wie ernst die Lage ist.

Das kühne Wohnungsbauprogramm des Senats stößt an Grenzen. Es ist immer noch zu klein, um den rapiden Anstieg der Miet- und Immobilienpreise aufzuhalten, aber längst schon größer, als viele Bürger hinzunehmen bereit sind. Unter der Führung des Naturschutzverbands Nabu schließen sich die Nicht-bei-uns-Initiativen der Bebauungsgegner gerade zusammen. Ob es zu einem Volksentscheid über die künftige Flächennutzung kommt oder zu einem hinter den Kulissen ausgehandelten Kompromiss, weiß heute niemand. So oder so aber wird es immer schwerer, neue Flächen für den Wohnungsbau zu finden. Daher das "Magistralenkonzept".

Man muss diesen Vorschlag nicht falsch finden – nur sollte niemand so tun, als sei er schon die Lösung aller Probleme. Häuser aufzukaufen, um sie abzureißen und Bauland zu gewinnen, ist teuer – die Lagen, um die es hier geht, sind aber, vorsichtig ausgedrückt, wenig attraktiv. Es sind bislang die Gegenden, in denen Lärm und Abgase jedes Jahr Hunderte umbringen und Tausende krank machen, wie eine Berechnung der ZEIT vor Kurzem ergab ( ZEIT Nr. 34/17). Bislang sind sie gekennzeichnet durch billige Nachkriegsbauten mit dieselrußgrauen Fassaden und Fenstern, die selten oder nie geöffnet werden.

Natürlich kann man auf eine "Verkehrswende" hoffen, auf sanft säuselnde E-Mobile anstelle des Straßenverkehrs, wie wir ihn kennen. Nur sollte man dann einräumen, dass außer ein paar Umweltschützern niemand solche Pläne ernsthaft verfolgt. Die absehbare Zukunft, das hat die jüngste Debatte um die Dieselfahrzeuge wieder gezeigt, gehört den Verbrennungsmotoren mit all ihren Nachteilen und Zumutungen.

Auch das ist noch kein zwingender Einwand. Man kann in lauter Umgebung attraktive Wohnungen schaffen, die HafenCity ist kein Luftkurort und dennoch eine der teuersten Lagen Hamburgs. Nur ist eine solche Architektur nicht eben billig. Ob sie sich auch an Häuserschluchten wie der Kieler Straße rechnet, werden am Ende die Immobilieneigner und Investoren entscheiden, deren Zustimmung und Zahlungsbereitschaft das "Magistralenkonzept" voraussetzt.

Eines allerdings wird dieses Konzept mit Sicherheit leisten: Es wird all denen, die Neubauvorhaben in der jeweils eigenen Nachbarschaft verhindern wollen, als willkommene Ausflucht dienen: Baut nicht bei uns, baut an den "Magistralen"!