Adendorf bei Lüneburg, Freitag vor zwei Wochen: Am Ende einer Sackgasse führt ein Wirtschaftsweg in einen dichten Mischwald. Vor der Garage eines Einfamilienhauses stehen neun Menschen eng zusammen, einige umarmen einander. Sie halten Andacht für eine Frau, deren Tod nun 28 Jahre zurückliegt. Birgit Meier hieß sie, sie wurde ermordet. Die niedersächsische Polizei vermutete schon damals, dass sie das Opfer eines Verbrechens wurde, eine Leiche aber tauchte nie auf. Birgit Meier war verschwunden – bis zum Mittag dieses Tages, als unter dem Boden dieser Garage in Adendorf ihre Knochen gefunden wurden.

Einer der Trauernden war einmal der ranghöchste Polizist Hamburgs: Wolfgang Sielaff, Bruder der ermordeten Frau, heute 75 Jahre alt, aufrechte Haltung, Oberlippenbart, zurückgekämmte graue Haare. Neben Sielaff steht der ehemalige Ehemann der Ermordeten, der 71-jährige Harald Meier. Nach Jahren haben sie nun die Gewissheit, dass in der Garage ein Mensch einbetoniert worden ist. Wenig später bestätigt eine Untersuchung des Gebissschemas, was die trauernde Gruppe ohnehin weiß: Die Tote ist Birgit Meier.

Die kleine Andacht ist nicht nur das Ende der Ungewissheit für die Hinterbliebenen, sondern zugleich der Abschluss einer äußerst ungewöhnlichen Ermittlung. Die zuständige Lüneburger Polizeidirektion hatte den Fall Meier 1993 zu den Akten gelegt. Aufgeklärt haben ihn Hamburger Kriminalisten im Ruhestand, eine kleine Gruppe ehrenamtlicher Ermittler unter Führung Wolfgang Sielaffs. Sie haben den Fall "mit dem Kopf" gelöst, wie ein ehemaliger Polizist aus Hamburg am Ende der Andacht sagt.

Eine Woche nach dem Fund wird sich Sielaff nicht mehr an alle Details erinnern, wohl aber an den Moment, der ihm nach Jahren der Suche Gewissheit verschaffte: an den kurzen Schock und dann die Erleichterung. "Ausgelaugt" fühle er sich nun, sagt er. Die letzten Wochen seien "die härtesten in den 28 Jahren" gewesen. "Ich habe drei Kilogramm abgenommen und werde lange brauchen, um das aufzuarbeiten, was privat liegen blieb."

Wolfgang Sielaff war nicht nur Hamburgs höchster Polizist, als Chef des Hamburger Weißen Ringes war er später auch der wichtigste Helfer für Opfer von Kriminalität. "Auch die Angehörigen und die Freunde sind mit betroffen und damit ebenfalls Opfer des Verbrechens", das ist sein Credo. Selten trifft es so sehr zu wie im Fall Birgit Meier, der die Angehörigen der Ermordeten länger als ein Vierteljahrhundert im Unklaren ließ – und in dem der Ermittler dieses Leiden in seiner nächsten Umgebung mitbekam. "Ich kann nicht leben, ohne zu wissen, wo Mama ist", das sagte ihm seine Nichte immer wieder.

Das Revier der Lüneburger Polizeidirektion ist riesig, es reicht vom ehemaligen Zonenrandgebiet bis fast nach Bremen und schließt einige der größten Wälder Deutschlands ein. Das Haus, in dem die Leiche nun entdeckt wurde, hatte die Polizei im Zuge der ursprünglichen Ermittlungen mehrmals durchsucht – ohne die Leiche zu finden. Der Besitzer, der Friedhofsgärtner Kurt-Werner W., war als verurteilter Gewalttäter bekannt. Seine kriminelle Karriere hatte der Mann schon als Jugendlicher begonnen, mit 14 Jahren überfiel er eine Frau und würgte sie mit beiden Händen. Als 21-Jähriger wurde er wegen der besonders brutalen Vergewaltigung und versuchten Tötung einer Anhalterin zu fünfeinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Im Haus in Adendorf fanden sich bei den ersten Durchsuchungen Kleinkalibergewehre, Munition, Handschellen, Folterwerkzeuge, Spritzen, Beruhigungs- und Schlaftabletten und vieles Verdächtige mehr.

1993 beging der Friedhofsgärtner Suizid, die Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt, Asservate und Akten verschwanden, einiges wurde vernichtet. Die Lüneburger Polizei folgte ohnehin einem anderen Verdacht: Trotz aller Indizien gegen den Friedhofsgärtner hielt sie den Ex-Mann der Verschwundenen, Harald Meier – der ihr den ersten Hinweis auf Kurt-Werner W. gegeben hatte –, für den Täter.