Die neueste Waffe im Kampf für die Rechte der Arbeiterklasse sind bunte Smileys. Mit ihnen konnten die Beschäftigten beim Automobilzulieferer Bosch in Stuttgart-Feuerbach neulich vor der Betriebskantine über die jüngsten Tarifvorschläge der IG Metall abstimmen: sechs Prozent mehr Lohn, das Recht auf eine 28-Stunden-Woche, Zuschüsse für Geringverdiener. Etwa 80 Prozent der Kollegen hätten sich für die lachende Variante entschieden, sagt Frank Sell, Betriebsratsvorsitzender und Mitglied in der Tarifkommission der Gewerkschaft. Für ihn war die Aktion damit ein voller Erfolg.

Für die Aktionen von Frank Sell und seiner IG Metall interessieren sich gerade ziemlich viele einflussreiche Menschen. Mario Draghi etwa, der Präsident der Europäischen Zentralbank, der am Wochenende beim Herbsttreffen der Finanzminister und Notenbankchefs der zwanzig führenden Wirtschaftsnationen in Washington sagte, die Löhne müssten endlich wieder stärker steigen. Er hat seine Volkswirte angewiesen, die Tarifverhandlungen in Deutschland genau zu verfolgen. Oder Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, die sich dafür aussprach, die Arbeitnehmer stärker am wirtschaftlichen Aufschwung zu beteiligen, der die Welt erfasst hat.

Dieses Interesse ist berechtigt. Denn wenn sich die deutschen Metaller durchsetzen, dann könnte das ein Indiz dafür sein, dass eine der gravierendsten wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte korrigiert wird: die Lohnflaute.

Tatsächlich hatten die Arbeitnehmer in den Industrienationen zuletzt wenig Grund zu Freude. Die Lohnquote – der Anteil des Lohneinkommens am gesamten Volkseinkommen – ist seit den siebziger Jahren deutlich gesunken. Nach Daten des Internationalen Währungsfonds waren im Jahr 1974 noch 55 Prozent des erwirtschafteten Einkommens Löhne und Gehälter und 45 Prozent Zinsen, Dividenden und andere Kapitalerträge. Heute bekommen die Beschäftigten nur noch die Hälfte des Kuchens ab. Die Entwicklung trifft besonders die Bezieher geringer und mittlerer Einkommen. Zwischen 1995 und 2009 ging ihr Anteil am Gesamteinkommen um sieben Prozentpunkte zurück.

In den Vereinigten Staaten sind die Stundenlöhne der einfachen Arbeitnehmer nach Abzug der Inflation deshalb heute nicht viel höher als in den siebziger Jahren. Das hat maßgeblich zum starken Anstieg der sozialen Ungleichheit beigetragen, die im vergangenen Jahr Donald Trump an die Macht gespült hat. "Ohne höhere Löhne werden wir keine politische Stabilität bekommen", sagt Adam Posen, Direktor des Peterson Institute for International Economics.

In Deutschland verlief die Entwicklung nicht ganz so dramatisch. Die meisten Beschäftigten verdienen heute auch real gerechnet mehr als damals. Allerdings seien auch hierzulande die Einkommen der unteren 40 Prozent der Haushalte in den vergangenen Jahren "deutlich hinter dem Wachstum der durchschnittlichen Einkommen zurückgeblieben", wie es in einer gemeinsamen Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim und des Münchner Ifo-Instituts heißt – und das trotz der guten Konjunktur.

Die Lohnschwäche bedroht nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sie ist auch eine Gefahr für die Wirtschaft. Das liegt daran, dass die Löhne die Inflationsrate beeinflussen. Denn wenn sie den Arbeitnehmern höhere Gehälter ausbezahlen müssen, erhöhen viele Unternehmen auch die Preise für ihre Waren, um die Mehrkosten auszugleichen. Das schlägt sich in einer höheren Teuerungsrate nieder. Umgekehrt bedeutet das: Wenn die Löhne nicht mehr steigen, steigt auch die Inflation nicht. Deshalb halten die Notenbanken die Zinsen niedrig – und damit nimmt die Gefahr spekulativer Übertreibungen auf den Finanzmärkten zu (siehe auch das Interview mit dem französischen Notenbankpräsidenten).

Weshalb sich bei den Gehältern so wenig tut, beginnen Ökonomen erst allmählich zu verstehen. Dazu beigetragen haben dürfte, dass die Gewerkschaften in fast allen Industrienationen an Einfluss verloren haben. Der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer an der Gesamtzahl der Beschäftigen ist von mehr als 30 Prozent in den achtziger Jahren auf zuletzt nur noch 20 Prozent gesunken. Darunter habe "die Verhandlungsmacht der einfachen Arbeiter im Vergleich zu Topverdienern und Kapitaleigentümern" gelitten, argumentiert eine Untersuchung der Industrieländerorganisation OECD.

Gleichzeitig machen Globalisierung und Automatisierung – die beiden ökonomischen Megatrends der vergangenen Jahre – den Beschäftigten zu schaffen. Sie müssen fürchten, dass ihre Stellen in Billiglohnländer verlagert werden oder ihre Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt wird. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds ist allein der technologische Fortschritt etwa für die Hälfte des Rückgangs der Lohnquote in den Industrienationen verantwortlich. Kein Wunder: Jahrelang haben die meisten Experten die Forderung nach mehr Gehalt oder weniger Arbeit als Anschlag auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gewertet.