Vom früheren CDU-Politiker Günther Krause ist ein Satz überliefert, der sein aktuelles Dilemma ganz gut beschreibt: "Ingenieure wissen, dass nichts 100-prozentig funktioniert", hat Krause gesagt. Und Günther Krause, ein Ingenieur, der für die DDR einst den Einigungsvertrag aushandelte und 1991 Bundesverkehrsminister wurde – Krause weiß, dass sein Satz ganz besonders für ein Projekt gilt, das es ohne ihn wohl nie gegeben hätte.

Die Autobahn 20, eine 350 Kilometer lange Neubaupiste quer durch Mecklenburg-Vorpommern von Lübeck bis Stettin, trägt inoffiziell den Namen "Krause-Autobahn", denn sie war sein Herzensprojekt. Sie ist der längste zusammenhängende Autobahn-Neubau in Deutschland seit 1945. Vor allem sollte sie das verkehrspolitische Symbol der deutschen Einheit sein, ein Gegenentwurf zur Mauer sozusagen: Einst trennte aufgestellter Beton die Deutschen, nun verbindet aufgeschichteter Beton sie von West nach Ost.

Theoretisch.

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In Wahrheit nämlich ist die A 20 ein ziemliches Dauer-Malheur: Mal sorgte falscher Fahrbahnbelag für Höllenlärm, mal schlug der Asphalt Blasen. Nun, vor wenigen Tagen, kam es zum Äußersten: Ein komplettes Stück Fahrbahn, 40 Meter lang, versank im mecklenburgischen Moor. Die Straße brach, in der Nähe des Örtchens Tribsees und etwa auf halber Strecke zwischen Rostock und Greifswald, einfach entzwei. Rund 1000 Kubikmeter Erde, sagen Experten, seien in die Tiefe des morastigen Trebeltals abgesackt. Die Bruchstelle mit der in Einzelteile zerfallenen Fahrbahn sieht aus, als habe es ein Erdbeben gegeben.

Ein Krater in einem Symbol der Einheit: Was für ein Bild ist das in Zeiten, in denen die Republik sich doch ohnehin fragt, welche Klüfte es da im deutsch-deutschen Verhältnis immer noch gibt! Schon grübeln die Ersten, halb im Spaß und halb auch im Ernst: Ist die Straße der Einheit etwa verflucht?

Wer Günther Krause, den alten Verhandler des Einheitsvertrags, in diesen Tagen in seinem Privathaus in Mecklenburg-Vorpommern anruft, erlebt, wie dieser erst einmal den Fernseher leiser drehen muss. Dann stellt er klar: Mit seiner Ingenieurskunst habe all das nichts zu tun! Eher schon mit dem Herrgott. "Das ist ja praktisch biblisch, was da passiert ist", sagt Krause. "Die Erde tat sich auf und verschlang die Dinge." Wenn ein Bauwerk in so kurzer Zeit in sich zusammenfalle, da ist er sich sicher, dann habe das nichts mit Pfusch am Bau und Planungsrecht zu tun, nichts mit Schlamperei, nichts mit Politik und schon gar nichts mit der Hektik der Einheit, nein, dann müsse es tief im Untergrund Bewegungen gegeben haben: "So etwas lässt sich kaum vorhersehen", sagt Krause. Über Moore wie das im Trebeltal sei bekannt, dass sie bei starken Regenfällen mitunter im Ganzen in Bewegung gerieten: "Dann wäre nicht die Autobahn schuld, sondern das Wetter."

Das Wetter?

Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Verkehrsminister Christian Pegel sieht das ein bisschen anders als sein pensionierter Kollege. Wer ihn fragt, wie der Autobahn-Bruch von Tribsees passieren konnte, bekommt zwei Antworten. Die eine: Man müsse abwarten, was die Gutachten ergäben, die sein Ministerium jetzt in Auftrag gegeben habe. Die andere: "Wer billig kauft, kauft doppelt."