Für Kleopatra VII. gab es auch ohne die beiden Vulkanausbrüche genug zu tun. Die Königin Ägyptens hatte sich gerade Cäsar zum Geliebten genommen und den Erbfolgestreit mit ihrem Bruder gewonnen. Da explodierten in den Jahren 46 und 44 vor unserer Zeitrechnung zwei Feuerberge – weit entfernt von Ägypten.

Es sollte eine Weile dauern, bis die letzte Herrscherin der Ptolemäer-Dynastie die Folgen spürte. Zwar wussten die Ägypter nicht, was ein Vulkanausbruch ist. Doch kurz darauf, 43 und 41 vor Christus, fiel das so wichtige Nilhochwasser niedriger aus als üblich. Dadurch gelangte der düngende Flussschlamm nicht auf die Felder – die Ernten blieben spärlich. Das Volk hungerte, die Königin musste die Getreidespeicher öffnen.

Der Zusammenhang zwischen Vulkanausbrüchen und Krisen in Ägypten wurde nun erstmals von einem internationalen Forscherteam um den Klimahistoriker Francis Ludlow vom Trinity College in Dublin untersucht. Die Wissenschaftler verglichen Klimadaten mit Aufzeichnungen über die Nilhochwasser und weiteren historischen Dokumenten. Insgesamt trugen demnach 16 Ausbrüche dazu bei, das Reich der Ptolemäer (305 bis 30 vor Christus) zu schwächen. "Es gibt einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen den Eruptionen und den bisher kaum verstandenen Rebellionen im ptolemäischen Ägypten", schreibt das Team (Nature Communications, online).

Feuerberge stoßen bei ihren Eruptionen gewaltige Schwefelwolken in die Atmosphäre aus. Diese schirmen das Sonnenlicht ab und kühlen so die Erde. Zudem reduzieren die Eruptionen die Monsun-Niederschläge, auch die über den Quellen des Nils im Hochland des heutigen Äthiopien. Die Folge: Das sommerliche Nilhochwasser, das den Anbau von Getreide und Feldfrüchten entlang des Stroms erst ermöglichte, blieb aus. Denn die Fluten mussten eine bestimmte Höhe überschreiten, um überhaupt die Ebenen zu erreichen. Ein halber Meter Unterschied im Pegelstand entschied oft darüber, ob eine Hungersnot drohte oder Aussicht auf ausreichende Ernte bestand.

Um die Geschehnisse zu rekonstruieren, fütterten die Forscher ihre Rechner mit Wetterdaten aus früheren Jahrhunderten. Sie analysierten Eisbohrkerne aus Grönland und der Antarktis und konnten so am Ende bestimmen, wann und in welchen Regionen sich Eruptionen ereignet hatten. "Der Vulkanausbruch im Jahr 44 vor Christus zum Beispiel muss in den Tropen auf der Nordhalbkugel passiert sein", sagt Michael Sigl von der Universität Bern, der die Eruptionsdaten für die Studie berechnete.

Die ermittelten Jahreszahlen verglichen die Forscher mit historischen Quellen. Besonders aussagekräftig sind Aufzeichnungen des islamischen Nilometers, eines Wasserstandsmessers auf der Insel Roda bei Kairo. Zwischen 600 und 1900 unserer Zeitrechnung fiel die Flut nach 60 Eruptionen niedriger aus als sonst – im Mittel um 22 Zentimeter. Der zweite Ausbruch während Kleopatras Herrschaft dürfte die Höhe gar um mindestens 60 Zentimeter reduziert haben.

Allein zur Zeit der Ptolemäer gab es irgendwo auf der Welt 16 große Eruptionen. Was bedeuteten sie für die Politik? Das Team fand Hinweise auf zehn Revolten. Acht von ihnen begannen bereits im Jahr des jeweiligen Ausbruchs oder spätestens zwei Jahre danach. Die Forscher stellten auch fest, dass sich Landverkäufe nach Vulkanausbrüchen häuften. Oder dass sogar Kriege beendet wurden. Antike Quellen berichten davon, dass die Ptolemäer ihre Truppen nach Hause holen mussten, um für Ordnung zu sorgen. Von neun syrischen Kriegen mit dem benachbarten Seleukidenreich endeten sechs jeweils in den drei Jahren nach einem Ausbruch.

Deutsche Historiker betrachten die Argumente des Ludlow-Teams mit Zurückhaltung. Die Angst vor einem Ausbleiben der Nilflut habe seit dem 3. Jahrtausend vor Christus das ägyptische Reich geprägt und natürlich auch die Politik in ptolemäischer Zeit bestimmt – das sei also nicht neu. Den naturwissenschaftlichen Teil der Studie wiederum möchten sie nicht bewerten. Wie es denn mit der Gegenprobe sei: Wie viele Niedrigwasser ereigneten sich in Jahren ohne Eruption?

Diese Angabe fehlt in der Studie. Auf Nachfrage liefert das Team diese Zahlen: Das Nilhochwasser fiel in 20 Prozent der Jahre mit einem Vulkanausbruch sehr niedrig aus und blieb unter der Marke von acht Metern. Gleiches passierte aber nur in sechs Prozent der Jahre ohne ein solches Ereignis. Laut statistischer Berechnung betrage die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Unterschied auf einem Zufall beruhe, lediglich eins zu tausend.

Francis Ludlow und seinen Kollegen ist dabei wichtig, keinen "Umwelt-Determinismus" zu fördern. "Es gab eine Mischung von Spannungen und Stressereignissen – sozial, ökonomisch oder umweltbedingt. Sie ballten sich zu manchen Zeiten und lösten Revolten aus", sagt er. Vulkanausbrüche und der Wasserpegel des Nils waren am Ende eher der Auslöser, nicht die Ursache für Unruhen. Das Ptolemäer-Reich litt am ethnischen Gegensatz zwischen ägyptischer Bevölkerung und griechischer Elite, es ächzte unter der Steuerlast und den Kosten für sein Militär.

Für Kleopatras Karriere waren die ausbleibenden Hochwasser ein Problem – und nicht das einzige. Erst wurde ihr Lover Cäsar erdolcht, dann ihr Verbündeter Marcus Antonius in der Seeschlacht bei Actium besiegt.