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Fast könnte man Donald Trump dankbar sein: Indem er die transatlantische Partnerschaft unterminiert, schärft er den Sinn für das historische Glück, das für Deutschland in dieser Verbindung gelegen hat. Kein anderes Land hat so sehr von der amerikanisch geführten Weltordnung profitiert wie die Bundesrepublik. Der Atlantizismus war der Schirm, unter dem sich das politisch-moralisch ruinierte Deutschland rehabilitieren und in den Westen (re-)integrieren konnte. Westbindung und Teilung nahmen Deutschlands Nachbarn die Angst und machten die deutsche Frage, diesen europäischen Albtraum, endlich lösbar.

Westdeutschland, und nach der Vereinigung das ganze Land, bekam durch die transatlantische Partnerschaft Zugang zur westlichen Moderne mit ihren drei Kernelementen Kapitalismus, kultureller Liberalismus und (für Deutschland das entscheidend Neue) aktive, selbstbewusste Bürgerschaft. Das trug mit bei zum Ende von Staatsvergötzung, Militarismus und Untertanengeist.

Dazu bekam man auch noch ein Sicherheitsarrangement in der Nato inklusive Teilhabe an den offiziell verteufelten Atomwaffen. Und die Amerikaner konnten damit leben, dass der kulturelle Hochmut gegenüber ihrer vermeintlich oberflächlichen Lebensweise lange bestehen blieb. Sie nahmen den Antiamerikanismus weiter Kreise achselzuckend hin und setzten auf die sanfte Macht ihres attraktiven Gesellschaftsmodells. All das schwingt heute mit, wenn es um die Zukunft der transatlantischen Beziehung geht.

Doch nun hat sich die Lage auf eine irrwitzige Weise verkehrt.

Die Atlantiker haben es heute mit dem Paradox zu tun, dass der Angriff auf die Grundfesten der von Amerika begründeten liberalen internationalen Weltordnung aus dem Weißen Haus kommt. Da sitzt ein Nationalist und bekennender Feind multilateraler Politik, der mit autoritären Führern sympathisiert und die EU unterminiert, indem er den Brexit unterstützt.

Dass die Konstanten und Prinzipien deutscher Außenpolitik ausgerechnet von der amerikanischen Regierung infrage gestellt werden, stellt eine enorme intellektuelle und strategische Herausforderung dar: europäische Integration, Multilateralismus, Einsatz für Menschenrechte und Rechtsstaat, regelbasierte Globalisierung – all das muss ein in Europa eingefügtes Deutschland künftig zur Not auch ohne, vielleicht sogar gegen die US-Regierung vorantreiben.

Alle Wünsche, Angela Merkel solle den Ausfall des US-Präsidenten als "Führerin der freien Welt" kompensieren, sind unsinnig. Und doch berühren sie einen wahren Kern: Deutschland bleibt, mehr als andere Akteure, auf den Fortbestand der liberalen internationalen Ordnung angewiesen. Dies ist die neue deutsche Frage: Deutschland ist so groß, dass es ohne diese Ordnung nicht florieren kann, und doch zu klein, um sie allein garantieren zu können. In diesem Spannungsfeld wird sich auf absehbare Zeit die deutsche Außenpolitik bewegen. Weil der bisherige Garant dieser Ordnung immer mehr ausfällt, stellt sich die Frage nach dem deutschen Beitrag radikal neu.

Es kommt einer Selbsttäuschung gleich, darauf zu warten, dass die USA nach Trump wieder in ihre alte Rolle zurückfinden werden. Denn die transatlantische Krise hat nicht mit ihm begonnen, und sie wird nicht mit ihm enden. Warum mögen die Atlantiker das nicht sehen?

Anders gefragt: Wann mutierte die Schlagseite der Atlantiker zum Realitätsverlust? Genau lässt sich der Zeitpunkt nicht bestimmen, spätestens jedoch am 16. Juni 2015, als Donald Trump seine Kandidatur anmeldete, begann ein merkwürdiger Mechanismus zu wirken: Ausgerechnet diejenigen in der deutschen Öffentlichkeit, die besonders viel über die USA wissen, lagen in ihren Einschätzungen besonders spektakulär daneben.

Mit weinkennerischer Gewissheit wurde vorgetragen, Donald Trump könne niemals Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden, weil nach den Vorwahlen solcherlei Arabesken vom Parteigetriebe bereinigt würden. Falsch.

Sodann war man sich mittels ausgefeilten Swing-State-Sudokus absolut sicher, dass Trump niemals zum Präsidenten der USA gewählt werden könne. Auch falsch.