Wie beschreiben Sie Freunden eine Fernsehserie, die Ihnen gefällt? Spannend vielleicht oder lustig, unterhaltsam, vielschichtig, mit interessanten Figuren. Was Ihnen wahrscheinlich nicht sofort einfällt, ist "teuer". Genau damit aber wurde Babylon Berlin beworben: die teuerste deutsche Serie aller Zeiten.

Die Serie, Krimi und Sittengemälde des Berlins der zwanziger Jahre, soll widerlegen, dass es in Deutschland keine hochwertigen, international konkurrenzfähigen Serien gibt. Dieses Lamento hört man, seit US-Serien wie The Sopranos und The Wire vor über 15 Jahren Maßstäbe setzten. Einer der Hauptgründe, der immer wieder für Deutschlands Serien-Schwäche genannt wird: Die Sender geben zu wenig Geld für gute Stoffe aus.

Im großstädtischen Kunstnebel von Babylon Berlin soll dieser Vorwurf nun verpuffen. Knapp 40 Millionen haben die 16 Folgen gekostet. Um diese Summe zu stemmen, kooperieren erstmals ein Pay-TV- und ein Free-TV-Sender für eine Serie, nämlich Sky Deutschland und die ARD. Das zeigt, wie groß der Wille zur eigenen deutschen Superserie ist. Und welchen Druck neue Player wie die Streaming-Dienste Netflix und Amazon Prime auf die Branche ausüben.

Babylon Berlin war lange nur ein Versprechen, jetzt ist die erste Erfolgshürde genommen. "Es ist unser zweitbester Serienstart nach Game of Thrones", schwärmt Elke Walthelm, Programmchefin bei Sky Deutschland, wo Babylon Berlin am Freitag Premiere hatte. Sky hat fünf Millionen Abonnenten, am ersten Wochenende sahen 811.000 Zuschauer die Auftaktfolgen. Ein Jahr lang liegen die Exklusivrechte bei Sky, erst danach folgt im Herbst 2018 die Ausstrahlung im Ersten. Obwohl die ARD mit gut elf Millionen deutlich mehr gezahlt hat als Sky, wohl mindestens das Doppelte.

Ein Jahr auf eine zu großen Teilen von der ARD finanzierte Serie warten zu müssen – das wirkt befremdlich. Die Bild-Zeitung schreibt bereits vom großen Betrug am Gebührenzahler. Die Kritik ist verständlich, es gibt aber gute Argumente für diese Art der Verwertung.

Normalerweise läuft es so: Ein Sender gibt eine Serie bei einer Produktionsfirma in Auftrag, übernimmt den größten Teil der Kosten und erhält dafür die exklusiven Rechte. Diesmal lief es anders. Hinter Babylon Berlin steht die Produktionsfirma X-Filme, an der Tom Tykwer beteiligt ist, der auch als Co-Autor und Co-Regisseur fungiert. Und weil klar war, wie teuer die Serie wird, holte X-Filme nicht nur die ARD, sondern auch Sky ins Boot sowie den Lizenzhändler Beta Film. Sie alle fungieren als Co-Produzenten und bekommen bestimmte Verwertungsrechte zugesprochen, Sky für Pay-TV, ARD für Free-TV, Beta Film für die Verkäufe ins Ausland. "Sky und ARD haben zusammen knapp die Hälfte investiert, der Rest kam über uns, Beta Film und die verdienstvolle Filmförderung", sagt Produzent Stefan Arndt von X-Filme. Die Serie wurde bereits in 60 Länder verkauft, in den USA wird sie auf Netflix laufen.

Volker Herres, Programmdirektor Das Erste, sieht für sich zwei Aufgaben. "Wir wollen ein deutsches Spitzenprogramm ermöglichen, zu für uns realistischen Kosten", sagt er, "und wir wollen natürlich möglichst viele Menschen erreichen, wenn wir die Serie nächstes Jahr im Ersten ausstrahlen." Die erste Aufgabe sieht er als bereits erfüllt an, die Serie sei hervorragend. Für Babylon Berlin wollte der Sender nicht mehr ausgeben als sonst für die Prime Time. "Eine Minute kostet uns so viel wie eine Minute Tatort", sagt Herres. 15.500 Euro. Eine Superserie zum Tatort-Preis. "Ohne Sky wäre das nicht gegangen", so Herres. Dass der Bezahlsender nur mitmacht unter der Bedingung, die Serie als Erster auszustrahlen, ist logisch. Wer zahlt schon für etwas, das es vorher kostenlos gab?

Ob die ARD die zweite Aufgabe, ein großes Publikum zu erreichen, erfüllt, muss sich zeigen. Dass Sky zu viele Zuschauer abgreift, glaubt Volker Herres nicht. Für eine deutsche Serie ist die Verwertungskette ungewöhnlich, völlig neu erfunden wurde sie nicht. Sie ähnelt der von Kinofilmen. Auch von der ARD coproduzierte Filme laufen zuerst im Kino und viel später im Free-TV. Sky übernimmt bei Babylon Berlin die Rolle des Kinos. Dass die ARD für Babylon Berlin mehr ausgibt als Sky, entspricht den Regeln der Branche. Laut ARD ist der Marktwert von Free-TV-Rechten mindestens fünfmal so hoch wie der von Pay-TV-Rechten.

Auch bei Sky glaubt man, dass alle Seiten etwas von der Kooperation haben. "Sky begleitet die Erstausstrahlung mit einer großen Marketing-Kampagne. Die Marke ›Babylon Berlin‹ wird dadurch von uns perfekt aufgeladen", sagt Programmchefin Elke Walthelm. Es sei die größte Kampagne, die es bisher abseits vom Fußball gegeben habe. "Ich bin überzeugt, dass die ARD davon auch noch in einem Jahr profitiert", sagt Walthelm. Serien brauchen Zeit, um ein großes Publikum für sich zu gewinnen, das war bei Hits wie Mad Men oder The Walking Dead nicht anders. Anspruchsvolle Serienstoffe haben generell einen schwierigen Stand im Free-TV, hochgelobte Produktionen wie Im Angesicht des Verbrechens in der ARD oder Deutschland 83 auf RTL fuhren enttäuschende Quoten ein. Auch deswegen, weil Serienfans gar nicht damit rechnen, dass ihre Bedürfnisse im Free-TV befriedigt werden.

Wie die deutsche Filmwirtschaft im digitalen Zeitalter ihre Unabhängigkeit bewahren kann, beschäftigt Stefan Arndt von X-Filme. "Die Frage ist doch: Wem gehören die Inhalte? Denen, die Server und Glasfaserkabel bereitstellen, oder denen, die sie herstellen?" Denen, die sie herstellen, lautet seine Antwort. In Kooperationen, wie sie für Babylon Berlin zustande kamen, sieht er eine gute Möglichkeit, das zu erreichen. "Auf diese Weise konnte eine relative kleine Firma wie X-Filme mit 15 Mitarbeitern eine so große Serie wie Babylon Berlin realisieren. Und andere in Deutschland könnten das ebenso." Es gehe ihm um inhaltliche Vielfalt und um die Wirtschaft. Mehr als 400 Crewmitglieder waren an Babylon Berlin beteiligt, gedreht wurde in Babelsberg, unter anderem in einer von den Filmstudios für 16 Millionen Euro neu gebauten riesigen Straßenkulisse. Diese "Neue Berliner Straße" soll künftig auch ausländische Produktionen anlocken.

Ähnlich sieht es Alfred Holighaus, Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO). "Bevor deutsche Serien in Zukunft nur noch mit den großen internationalen Gatekeepern wie Netflix und Amazon gemacht werden, müssen wir dringen über neue Finanzierungs- und Verwertungsmöglichkeiten nachdenken", sagt er. Babylon Berlin sei ein Anfang.

Manchmal kann einer dieser Gatekeeper aber auch die Rettung sein. Die hochgelobte, international beachtete Serie Deutschland 83 wurde von der UFA ursprünglich für den Privatsender RTL produziert. Nachdem die Einschaltquote bei RTL enttäuschte, wollte der Sender keine Fortsetzung in Auftrag geben. Amazon sprang ein und zeigt ab 2018 zwei weitere Staffeln in seinem kostenpflichtigen Streaming-Angebot Amazon Prime. RTL behält die Option, die Staffeln danach im Free-TV auszustrahlen.

Zuerst Streaming, dann Free-TV – auch das ist eine Verwertungskette, an die sich die Zuschauer vermutlich gewöhnen müssen.

Korrektur: In diesem Text hieß es zunächst fälschlicherweise, eine Minute "Tatort" koste 115.500 Euro statt 15.500 Euro. Wir haben das korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.