Paul Kaiser ist ein Mensch, der häufig ins Museum geht. Doch was er dort zuletzt sah – oder besser: nicht sah –, gefiel ihm gar nicht. Er war zu Besuch in der Galerie Neue Meister in Dresden, wie so oft. Worauf Kaiser, 55, immer besonders achtet, das sind die Werke der ostdeutschen Maler vor 1990. Der Kulturwissenschaftler ist Experte für DDR-Kunst.

Aber diese, sagt Kaiser, habe bei seinem letzten Besuch einfach gefehlt. Ostdeutsche Klassiker waren nach und nach abgehängt und durch weitgehend unbekannte Werke ersetzt worden. Also setzte sich Kaiser an seinen Schreibtisch und verfasste einen Text. "Mit brachialer Geste und ganz ohne Begründung", formulierte er, sei "die kunstgeschichtliche Epoche zwischen 1945 und 1990 aus der Schausammlung ins Depot entsorgt" worden. Und: "Sollte fortan ein Tourist durch die einst der ostdeutschen Kunst vorbehaltenen Räume flanieren, könnte er auf die Idee verfallen, dass es die DDR nie gegeben habe".

Kaisers Text erschien am 18. September in der Sächsischen Zeitung. Seitdem steht die ostdeutsche Museums-Szene wie unter Strom. Denn plötzlich ist da eine Debatte über DDR-Kunst entflammt: Wie soll man umgehen mit den Werken dieser Zeit, aus diesem Land? Werden sie in den großen Museen des Ostens hinreichend gewürdigt, häufig genug gezeigt, gut genug erklärt?

Die erste, vorsichtige Antwort muss wohl lauten: nein. Nicht nur in Dresden sind die Künstler des Ostens vor 1989 nur spärlich vertreten. Auch in anderen großen Häusern, in Leipzig zum Beispiel, findet sich nur wenig. Hat das etwas mit Ignoranz zu tun – oder gar mit Arroganz? Oder sind die Werke von Malern wie Werner Tübke, Arno Rink oder Willi Sitte irgendwie toxisch, gefährlich? Trauen die Museen sich da nicht ran?

Die gute Nachricht ist, dass sich etwas bewegt. Wie durch einen großen Zufall haben, beinahe parallel zur von Paul Kaiser in Dresden losgetretenen Debatte, große Häuser angekündigt, sich auf ganz neue Weise der Kunst aus DDR-Zeiten annehmen zu wollen; die Debatte auf ihre Weise mitzuführen. Das Barberini in Postdam und das Museum der bildenden Künste in Leipzig arbeiten derzeit an großen Schauen über die DDR-Kunst: Das Barberini eröffnet demnächst eine Ausstellung, in der ausschließlich Werke von DDR-Künstlern zu sehen sein werden. Das Museum der bildenden Künste in Leipzig will eine ganze Etage für Leipziger Maler leer räumen, zudem eine Sonderausstellung für den Maler Arno Rink veranstalten. Und selbst die Neuen Meister in Dresden wollen nicht weniger als: eine Debatte anfangen.

Die Kuratoren und Museumsdirektoren wünschen sich, dass – endlich – eine unideologische Diskussion über das künstlerische Schaffen von einst geführt wird. Die Frage ist, ob es jetzt, nach 27 Jahren Einheit, möglich sein wird, unverkrampft über jene Bilder zu reden, die im SED-Staat entstanden und oftmals von diesem finanziert wurden. Oder gerade nicht. Die Frage ist auch, wo die vielen Verkrampfungen herrühren. Geht es hier wirklich noch um Kunst, oder geht es eigentlich um etwas ganz anderes?

Das sollte man zuerst Paul Kaiser fragen – jenen Mann, mit dem der Streit begann und der am Museum seiner Stadt viel auszusetzen hat: "Hier in den Dresdner Kunstsammlungen", sagt Kaiser, "wird der Stellenwert der ostdeutschen Künstler noch immer nicht gesehen. Das ist eine Form der Missachtung, die ich einfach nicht mehr hinnehmen möchte." Die Galerie Neue Meister, Teil der Staatlichen Kunstsammlungen, wähne sich in einer Liga mit den großen Museen in Berlin, München oder Frankfurt, habe aber inzwischen Besucherzahlen wie ein Provinzmuseum. Das liege daran, dass man, statt sich vorurteilsfrei der Ost-Kunst anzunähern, das Publikum umerziehen wolle. Und dann sagt er noch einen Satz: "Vielleicht sind es manche im Kunstbetrieb noch immer nicht gewohnt, dass Ostdeutsche selbstbewusst ihre Stimme erheben."

Die Debatte, die hier geführt wird, ist also, so sagt es auch Kaiser selbst, nicht weniger als ein Stellvertreterstreit. Ein Streit, der auch in anderen Teilen der Gesellschaft geführt wird. Wie westdeutsch wird im Osten über Kunst entschieden?