Der Iraner, der schon seit Monaten hinter Stacheldraht wohnt, sagt, er habe jeden Tag Angst. Vor den Wachmännern, die nicht sprechen, sondern brüllen und die Tür aufstoßen, ohne zu klopfen. Vor den Arabern aus dem Nachbarblock, die sich mit Bier volllaufen lassen, die in der Kantinenschlange die Frauen begrapschen und bis spät in die Nacht grölen und pöbeln. Vor dem Moment, wenn die Leere in ihm aufsteigt, ein Gefühl, das viele Menschen im Lager kennen und das vom Nichtstun herrührt. "Wer hier wohnt, wird entweder depressiv oder aggressiv", sagt er. "Um alles wird gestritten: um eine Portion Obst, um ein paar Minuten in der Dusche, um eine Rolle Klopapier. Meine Frau hat neulich für Klopapier angestanden, da wurde sie von einer Afghanin geschlagen. Manche Leute gehen mit Messern aufeinander los."

Der Iraner wohnt in Bamberg in Franken, am äußersten Rand der Stadt, in der Nähe eines alten Schießübungsplatzes und des Stadions des Bezirksligisten Eintracht Bamberg. Dort liegt, in einer ehemaligen Kaserne der US-Armee, hinter einem dunkelgrünen Zaun mit einer doppelten Lage Stacheldraht die AEO, die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken, ein Lager, in dem zurzeit rund 1.200 Flüchtlinge leben und das demnächst, nach seiner Erweiterung, 3.400 Menschen aufnehmen soll.

Unter Bambergern ist das Lager berüchtigt. Immer wieder hat die Lokalzeitung über Flüchtlinge berichtet, die Autos aufbrechen oder im Supermarkt klauen, laut der Bamberger Polizei vor allem Schnaps, Zigaretten und Babynahrung. Ebenso häufig schreiben die Zeitungen über Bürger, die gegen das Lager protestieren. Tatsächlich gibt es seit dessen Eröffnung mehr Kriminalität in Bamberg als vorher. Vor allem innerhalb des Lagers, wo die Bewohner aneinandergeraten. Aber auch auf den Straßen und in einigen Läden, wo die Zahl der Diebstähle gestiegen ist. Das sagt auch die Pfarrerin Mirjam Elsel, die im Dekanatsbezirk Bamberg für die Begleitung von Flüchtlingen zuständig ist. "Die Menschen leben dort auf engstem Raum, die Stimmung ist extrem angespannt, das schürt die Ängste in der Bevölkerung."

Egal ob man mit der Pfarrerin spricht, die Asylbewerber "Geflüchtete" nennt und jeden Montag in der Bamberger Altstadt gegen deren Abschiebungen protestiert, oder ob man mit dem Taxifahrer ins Gespräch kommt, der Flüchtlinge aus dem Lager zum Krankenhaus fährt und sie "Schmarotzer" schimpft – viele Bamberger verwenden für das Lager ein und dasselbe Wort: Sie nennen es Ghetto.

CDU und CSU haben in der vergangenen Woche gefordert, das Bamberger Lager deutschlandweit als Vorbild für die Unterbringung von Asylbewerbern zu nutzen, genau wie ein ähnliches Lager in Manching bei Ingolstadt und eines in Heidelberg. Das dürfte die Koalitionsverhandlungen vor allem mit den Grünen in den kommenden Wochen erschweren. Grünen-Chefin Simone Peter sagte dazu schon vergangene Woche: "Das sind Standards, die werden wir für die Bundesebene keineswegs akzeptieren."

Als das Lager vor gut zwei Jahren eröffnet wurde, ließ die bayerische Landesregierung dort ausschließlich Flüchtlinge vom Balkan unterbringen, in den allermeisten Fällen nur zu einem einzigen Zweck: Sie sollten von dort möglichst schnell abgeschoben werden. Heute kommen die Bewohner aus 15 Ländern. Sie glauben an unterschiedliche Götter und Werte, sie sind aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland geflohen und haben unterschiedlich gute Chancen, bleiben zu dürfen. Manche sind wohlhabend, andere bitterarm. Manche haben studiert, andere haben nicht einmal lesen gelernt. "Viele Probleme würden überhaupt nicht entstehen, wenn man die Leute nicht so zusammenpferchen würde", sagt die Pfarrerin Elsel.

Verantwortlich für das Lager ist die Bezirksregierung Oberfranken. Deren Sprecher bestätigt, dass im Moment bis zu 20 Menschen in einer Wohnung leben, je vier bis sechs pro Zimmer. Er sagt, die Lagerleitung achte darauf, nur Menschen zusammen in eine Wohnung zu stecken, die auch miteinander auskämen. Eine Mitarbeiterin des Lagers sagt dazu: "Einmal war ich bei einer Familie, die eigentlich supersauber und ordentlich war. Aber als ich in die Wohnung reinkam, habe ich mich fast übergeben. Es lebte noch eine andere Familie in derselben Wohnung, die haben viel Alkohol getrunken und Schlägereien angezettelt. Die haben in der Küchenspüle die vollgekackten Windeln der Kinder ausgewaschen und dort liegen lassen. Da lag auch verrottetes Essen. Es hat bestialisch gestunken. Die Mutter der Familie, die ich besucht habe, sagte, sie hätte den Dreck der anderen immer wieder weggemacht, aber irgendwann resigniert aufgegeben."