Als die beiden Piloten am Rosenmontag im Februar 2007 fast ihr Bewusstsein verlieren, ist die Lufthansa-Maschine, Kennung D-AEWB, auf dem Weg von Birmingham nach Frankfurt. An Bord des Flugzeugs vom Typ BAe 146-300 sind 61 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder. Heute, noch zehn Jahre später, erinnert sich der Co-Pilot genau an den Dialog mit dem Flugkapitän. "Riechst du auch etwas?", fragte der seinen Sitznachbarn. "Anfangs habe ich gar nichts gerochen", sagt der Co-Pilot heute. Der Chef habe die Cockpit-Umgebung abgeschnüffelt, bis ihm schwindelig wurde. Dann habe er die Sauerstoffmaske aufgesetzt. Auch der Co-Pilot war schon ganz benommen und erinnert sich daran, dass er dachte: "Ja klar, ist ja heute Karneval."

Da hatte sich längst sein Sichtfeld auf einen halben Meter verengt. Sein Handrücken kribbelte, das Kribbeln wanderte in den Unterarm. In Panik habe er sich die Maske gegriffen und dabei die linke Halteklammer zerbrochen. Dann endlich: reiner Sauerstoff. Der Kapitän leitete die Notlandung ein. Der Co-Pilot sprach undeutlich, er brauchte vier Anläufe, bevor die Flugverkehrskontrolle ihn verstand. Auch die Chefstewardess habe massives Unwohlsein gespürt, von den Passagieren im vorderen Kabinenbereich schlief laut Protokoll ein "außergewöhnlich hoher Anteil" zu diesem Zeitpunkt. Der Co-Pilot sagt heute: "Das hätte eine Katastrophe geben können."

Die britische Flugunfallbehörde AAIB stellte später ein Ölleck an Triebwerk 1 fest und folgerte: "... was nahelegt, dass Jetöl in die Klimaanlage geraten ist". Die Piloten haben einen "Fume-Event" erlebt, einen Zwischenfall mit kontaminierter Kabinenluft an Bord von Flugzeugen.

Laut der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung wurden im vergangenen Jahr 228 Fume-Events gemeldet, davon seien 61 möglicherweise toxisch gewesen, weil der Verdacht bestand, dass Öldampf, Enteisungs- oder Hydraulikflüssigkeit im Spiel waren. So geht es aus einer Kleinen Anfrage des Grünen-Abgeordneten Markus Tressel im Bundestag hervor. Die Bestandteile, die bei solchen Vorfällen freigesetzt werden, können giftige Wirkung entfalten.

Der Fall am Rosenmontag 2007 war besonders drastisch, aber Fume-Events sind offenbar bis heute alles andere als selten. Solche Geruchs- und manchmal auch Rauchereignisse können auftreten, wenn es plötzlich zu Fehlern an den Dichtungen in den Triebwerken kommt. Denn dort, nahe dem Triebwerk, werde seit den fünfziger Jahren die Atemluft in der Kabine als sogenannte Zapfluft entnommen, sagt Dieter Scholz, Professor für Flugzeugbau an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. "Das hat den Vorteil, dass man keinen zusätzlichen Verdichter für die Klimaanlage benötigt, Komponenten einspart und dadurch das Flugzeug preiswerter bauen und anbieten kann." Das Problem: Die Dichtungen weisen oft einen Spalt auf, durch den zwar extra Luft hineingeblasen wird, aber trotzdem Öl austritt und die Kabinenluft so verunreinigt wird, wie Scholz sagt. "Es kommt also konstruktionsbedingt regelmäßig zu kleinen Leckagen von Öl im Triebwerksverdichter."

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit schätzt, dass es viermal täglich im deutschen Luftraum zu einem Fume-Event kommt. Das wäre bei jedem 2000. Flug, der hier startet oder landet. Und bei der Berufsgenossenschaft Verkehr häufen sich die Unfallmeldungen: 2015 waren es noch 450 Fume-Event-Anzeigen, 2016 rund 830 und im ersten Halbjahr 2017 schon 510.

Hersteller, Fluggesellschaften und deren Unfallversicherung bestreiten hingegen, dass kontaminierte Kabinenluft die Gesundheit beeinträchtigt.

Die ZEIT hat mit Arbeitsmedizinern, betroffenen Crews, Gewerkschaften und Fluggesellschaften gesprochen. Darunter 13 Piloten aus ganz Deutschland, die sagen, dass sie schon einmal kontaminierte Kabinenluft eingeatmet haben, darunter zwei Frauen zwischen Ende zwanzig und Mitte fünfzig. Sie steuern oder steuerten Passagier- oder Frachtflugzeuge der Lufthansa und von deren Töchtern Germanwings, Eurowings und CityLine, TUI fly, Condor, DHL oder Germania, Maschinen von Airbus, Boeing und Avro (BAe). Sie berichten von zwei, von zwanzig oder fast vierzig Vorfällen, es habe "nach nassen Socken" gerochen, "nach Keller", "nach Parkgarage", "nach ekelig stinkendem Käse", "modrig", "muffig", "ölig".