Wer die Wahrheit hinter Glyphosat sucht, riskiert Verwirrung: "Wir vertreten die Bürger! Was sollen wir ihnen antworten, wenn wir hier so unterschiedliche Auffassungen hören?" Der EU-Abgeordnete Alojz Peterle war nicht allein mit seiner Ratlosigkeit. Letzte Woche saß der Slowene in einem Hearing, das die Ausschüsse für Landwirtschaft und Umwelt anberaumt hatten. Beide Parlamentsgremien wollten endlich Klarheit gewinnen: Ist das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat nun riskant für die Gesundheit oder nicht? Doch nach der Expertenbefragung fühlten sich viele Volksvertreter kaum klüger.

Die Kontroverse über Risiken und Nebenwirkungen des weltweit meistverkauften Herbizids spitzt sich kurz vor dem Entscheidungs-Showdown in Europa noch einmal zu. Am 25. Oktober wird der EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis die Regierungen erneut zusammenrufen. Dann sollen sie sich endlich über die Wiederzulassung des Wirkstoffs verständigen, denn die vorläufige Genehmigung läuft Ende des Jahres definitiv aus. Und eine Einigung ist nicht in Sicht.

Dabei steigt der Druck: Eine Europäische Bürgerinitiative mit 1,3 Millionen Unterzeichnern fordert ein Glyphosat-Verbot. Für diesen Fall drohen die Hersteller im Gegenzug mit Klagen. Seit zwei Jahren währt der Konflikt nun schon, begleitet von Medienberichten über Krebsopfer, insektenfreie Ackerfluren und Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Industrie.

Auf den Äckern

Quelle: Bundesregierung © ZEIT-Grafik

Was ist Mutmaßung, was Halbwahrheit, was Tatsache? Und spricht man zu Recht von einem Skandal? Die EU-Abgeordneten sind nicht die Einzigen, die bei dem Krimi nicht mehr wissen, wer bei welcher Frage die Guten oder die Bösen sind. Eine Gewissheit gibt es im Gewirr der Widersprüche und Interessen immerhin: Über seine chemischen Eigenschaften hinaus ist Glyphosat zu einer politischen Metapher geworden. Der Name steht für eine Vielzahl aufgeschobener Konflikte.

Kurze Rückschau: In den siebziger Jahren bringt Monsanto das Mittel auf den Markt, als Wirkstoff des Herbizids Roundup. Dieses wird schnell zum Verkaufsschlager. Weil es Unkräuter und Gräser vorbeugend abtötet, verschafft es dem angebauten Mais, Raps oder Weizen freie Bahn. So sparen Bauern Zeit und Geld, weil sie ihre Felder nicht mehr pflügen müssen. Zudem soll das Zaubermittel auch noch unschädlich sein für Umwelt und Gesundheit.

Zwar misstrauen Umweltschützer diesen Versprechungen von Anfang an, doch so richtig eskaliert die Debatte erst im Sommer 2015. Da brandmarkt die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) das Totalherbizid als "wahrscheinlich krebserregend" – und stellt sich damit in Widerspruch zu einer Unbedenklichkeitserklärung, die das deutsche Bundesamt für Risikobewertung (BfR) ausgestellt hat. Dessen Prüfer sollten eine Faktengrundlage für die fällige neue Genehmigung liefern. Ihrem entlastenden Votum schloss sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) an. Seither streiten Wissenschaftler und Politiker erbittert, ob der Daumen für Glyphosat hoch- oder runtergehen soll.

Und dabei werden auch größere Fragen mitverhandelt: Wie soll sich die Landwirtschaft in Zukunft entwickeln, in Deutschland, in Europa, global? Und was muss sich ändern im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Politik und Gesellschaft?

Zwischen Wissenschaft und Industrie herrsche keine Waffengleichheit, heißt es

Die Glyphosat-Entwarner sehen als Kern des Problems, dass eine reine Fachfrage politisch aufgeladen worden sei. In ihren Augen mobilisieren grüne Politiker und Nichtregierungsorganisationen eine "hysterisierte" Öffentlichkeit gegen die "vernünftige" Einschätzung der Experten. Er selber dürfe sich "nicht über die Wissenschaftlichkeit stellen": So begründete etwa CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt sein Votum für Glyphosat. Im gleichen Duktus urteilt EU-Kommissar Andriukaitis. Politische Meinungen könnten "weitgehend akzeptierte wissenschaftliche Ansichten nicht aufheben". Damit verweisen beide auf eine Trennung der Sphären, wie sie für die Demokratie unabdingbar ist: Auf der einen Seite müssen Forscher unabhängig urteilen. Auf der anderen erwarten Politiker unparteiliche Beratung, da ihr Handeln ohne seriöse Datengrundlage anfechtbar wird.

Auch die Urteile von NGOs sollten auf Fakten gründen. Doch so manche medienträchtige "Aufklärungs"-Aktion hat übertriebene Ängste geschürt. "Die Gesundheit von 500 Millionen EU-Bürgern steht auf dem Spiel" – es gibt Hinweise für einzelne Gruppen, aber keinen harten wissenschaftlichen Beleg für so einen dramatischen Satz. Die WHO-Agentur IARC hatte, als sie den Krebsverdacht äußerte, als empirische Grundlage für ihr Urteil keine breiten Bevölkerungsstudien zur Hand, sondern solche mit Landwirten, die dem Herbizid regelmäßig direkt ausgesetzt waren.

Dennoch machen es sich die Hüter der unbeeinflussbaren Wissenschaft zu leicht, wenn sie wie der Präsident des BfR Andreas Hensel Kritik mit der Behauptung abwehren, "in die Mühlen einer politisierten Diskussion geraten" zu sein. Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation gilt weltweit als Autorität. Umgekehrt bewegen sich auch die Risikobewerter nicht auf einem politikfreien Feld. Erstens haben sie ihren Auftrag von den EU-Regierungen erhalten, zweitens dürfen sie laut Gesetz als staatliche Behörden keine eigenen Studien vornehmen. Die gewichtigste Grundlage bei der Bewertung eines Wirkstoffs sind die Tests und Studien der Hersteller – Unabhängigkeit sieht anders aus.

Diese Konstellation hat einen Grund: Nicht der Steuerzahler soll für die Kosten der Risikobewertung aufkommen, sondern das Unternehmen, das künftig an einem Wirkstoff verdient. Natürlich prüfen die offiziellen Stellen die Angaben der Firmen, lesen unabhängige Studien, organisieren Anhörungen. Aber Teile der Industriedossiers bleiben aus Wettbewerbsgründen auch in den Schubladen – mit der Folge, dass vieles nicht kritisch zu hinterfragen ist.

In dieser Nähe zwischen Kontrolleuren und Kontrollierten liegt der entscheidende Unterschied zwischen der Arbeit des Bundesamts für Risikobewertung (BfR) und jener der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation. Die Fachleute der IARC nämlich bewerten ausschließlich Studien, die öffentlich zugänglich sind. Firmeneigene Ergebnisse mit Geheimhaltungsvorschrift sind für sie tabu. Das Gremium gilt auch deshalb als besonders glaubwürdig – entsprechend schwer wiegt sein Krebsverdacht.

Das Unbedenklichkeits-Gutachten der Risikoforscher dagegen weckte jüngst konkrete Zweifel an der Distanz zur Industrie, als die österreichische Umweltorganisation Global 2.000 zahlreiche "Plagiate" an den Pranger stellte. Ganze Textpassagen hatten die Autoren des Bundesamts aus den Industriedossiers übernommen, teils ohne Quellenangaben – wie sie in wissenschaftlichen Publikationen gefordert sind. Die Erklärung des BfR-Präsidenten: Solche Übernahmen seien gängige Praxis, wenn die Industriebewertung mit derjenigen des Amtes übereinstimme.

Martin Pigeon von der Anti-Lobby-Organisation Corporate Europe Observatory hat das "nicht beruhigt". In so einer Copy-and-paste-Wissenschaft erkennt er ein weiteres Problem: "Zwischen den Antragstellern und ihren Kontrolleuren herrscht keine Waffengleichheit", sagte er im EU-Parlament. Bei der Bewältigung enormer Datenmengen seien spärlich ausgestattete Behörden den Forschungsabteilungen einer Milliardenindustrie nicht gewachsen.