Testosteron ist in Verruf geraten. Würde man einen Karikaturisten Testosteron malen lassen, er hätte leichtes Spiel: ein schwitzender, muskelbepackter Bauarbeiter, der seinen Presslufthammer in den Straßenasphalt rammt und dabei lüstern Frauen hinterherpfeift. Oder er malt Uli Hoeneß. Bei Hoeneß ist das entscheidende Detail der lichte Haarkranz.

Denn so gut Testosteron auf Muskeln und Manneskraft wirkt, es ist schlecht für wallende Mähnen. Überall sonst am Körper lässt das Hormon Haare sprießen, nur ausgerechnet auf der Kopfhaut kann es ein Massensterben unter den Haarfollikeln auslösen (siehe Kasten). Diesen erblich bedingten androgenetischen Haarausfall erleiden rund 80 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens. Aber auch Frauen trifft es, fast jede zweite verliert vor allem nach der Menopause Haare. Das kann psychische Folgen haben: In einer europaweiten Umfrage gaben zwei Drittel der betroffenen Männer an, ihr Selbstbewusstsein sei durch die Kahlheit angekratzt.

Bei mir begann das Follikelsterben vor etwa acht Jahren, mit Mitte dreißig. Irgendjemand sagte, übrig bleibe, was man über die 40 rette. Mein 40. Geburtstag kam – und das Follikelsterben ging weiter. Ich wollte mich nicht damit abfinden. Noch habe ich ja Haare, und ich würde gern mit möglichst vielen von ihnen beerdigt werden. Leider gibt es nicht viele Waffen gegen Haarausfall. Da ist Finasterid, das eigentlich in den Neunzigern zur Behandlung der gutartigen Prostatavergrößerung zugelassen wurde. Der wohl bekannteste Nutzer ist nach einem Bericht der New York Times der amerikanische Präsident Donald Trump. Finasterid wirkt erwiesenermaßen, aber nicht nur auf die Haare. Die schlimmsten Nebenwirkungen: Libidoverlust und Impotenz. Ob sich das Ergebnis sehen lassen kann, mag jeder selbst beurteilen. Bilder des Probanden im Weißen Haus sind ja vorhanden.

Volles Haar gegen Libido? Ein schlechter Tausch, finde ich und wende mich "sanfteren" Mitteln zu. Damit betrete ich das Reich der Wunderwässerchen: Aloe vera, Ginkgo, Grüntee, Brennnesseln. Sehr beliebt ist auch Koffein-Shampoo, gerne gepaart mit Wörtern wie "Power", "Energie" und "aktiv". Die Marke Alpecin hat sogar "Tuning-Shampoo" im Programm – der Ölwechsel für den Oldtimer. Wenigstens theoretisch könnte das klappen. Koffein hemmt einen Stoff namens Phosphodiesterase, wodurch der Zellstoffwechsel angeregt wird. Vor zehn Jahren verlängerte Koffein im Labor tatsächlich Haarschäfte – ob der Stoff auch auf menschlichen Köpfen funktioniert, ist zweifelhaft. 2010 vermeldete eine italienische Studie einen Erfolg. Teilgenommen hatten 30 Versuchspersonen, die Proben hatte die Firma Dr. Kurt Wolff GmbH gestellt, deren Kosmetiksparte Alpecin heißt.

Laut einer Auswertung der renommierten Cochrane Collaboration heißt das einzige wirksame Mittel zum Einreiben Minoxidil. Vor allem Frauen mit testosteronbedingtem Haarverlust sollen davon profitieren. Der Ansatz aber erfordert Disziplin. Morgens und abends muss man es in die Kopfhaut massieren, bis ans Lebensende. Nicht minder nervig, teuer und von eher zweifelhaftem Nutzen ist Thiocyanat. In PubMed, der größten medizinwissenschaftlichen Datenbank der Welt, findet sich ein einziger Hinweis, dass die Substanz wirken könnte: Im Laborversuch hat Thiocyanat wohl das Haarwachstum bei Albino-Meerschweinchen angeregt. "Hilft nicht allen. Aber vielen", schreibt der Hersteller auf seiner Website. Nach drei Monaten Thiocyanat-Einreibung kann ich sagen: Ich bin nicht "viele". Selbst wenn es wirken sollte, muss man sich fragen, ob die Therapie den Preis wert ist. Minoxidil und Thiocyanat kosten 20 Euro im Monat, umgerechnet 60 Cent am Tag. Macht bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren in meinem Fall rund 8.000 Euro.

Das Geld könnte man auch in eine Haartransplantation investieren, die Preise starten – wenn man sich im Internet umsieht – bei 2000 Euro für die Verpflanzung weniger Haare. Will man seinen Hinterkopf einmal ganz neu bestücken lassen, kostet das jedoch einige Tausend Euro mehr. Angesichts dieser Preise hat sich ein Transplantationstourismus in die Türkei entwickelt: Für 1990 Euro gibt es das Rundumangebot, Flug, Hotel und Dolmetscher inklusive. Unter solchen Billiganbietern gibt es leider auch immer wieder Pfuscher. Mein Leidensdruck ist für das Paket nicht groß genug. Der Erfolg der Haartransplantation ist zudem abhängig vom Geschick des Arztes. Und auch transplantierte Haare fallen irgendwann wieder aus.