Der Weg zum Kommunismus ist kurz. Bei Rewe vorbei, dann rechts bis zur Aral-Tankstelle, über die Kreuzung in den Kirchweg hinein, wo Bauern in Fachwerkhäusern wohnen und Kopfsteinpflaster die Straße bedeckt. An einem Holzzaun entlang, bei der Trauerweide nach links, über einen asphaltierten Hof, und dann ist man schon da, im Kommunismus. In der Kommune Niederkaufungen.

Die Kommune Niederkaufungen, zehn Kilometer von Kassel entfernt, das sind 57 Erwachsene und 18 Kinder. Das sind fünf Wohnhäuser mit zwölf Wohngemeinschaften, acht Autos, drei Waschmaschinen, eine Schreinerei, eine Schlosserei, eine Tagespflege für Demenzkranke, eine Mosterei, ein Tagungshaus, eine Kita, ein Hofladen, dazu rund zwei Hektar Felder und Gemüsebeete. Das ist: eine der letzten Bastionen des gelebten Kommunismus in Europa.

Seit 31 Jahren wohnen und arbeiten hier Menschen aus ganz Deutschland zusammen, Männer und Frauen, Handwerker und Akademiker, Junge und Alte. Menschen, die den Kapitalismus ablehnen. Die alles Geld, das sie erwirtschaften, in einen Topf legen, aus dem sich jeder nimmt, soviel er braucht, unabhängig davon, was er verdient. Die alles teilen, bis auf das, was jeder in seinem Zimmer hat.

Kommunismus, das ist, wenn jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten arbeitet und jeder bekommt, was er für seine Bedürfnisse benötigt. So hat Karl Marx es vor 150 Jahren im Kapital beschrieben, ehe die russische Oktoberrevolution den Gedanken vor 100 Jahren in eine Diktatur verwandelte.

Im Großen ist der Kommunismus gescheitert. Im Kleinen existiert er weiter, zumindest hier, in Niederkaufungen.

Wie aber geht das? Wie lebt es sich als Kommunist inmitten einer kapitalistischen Welt? Ist es wirklich möglich, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der alle gleich sind? Was sind das für Leute, die sich für ein solches Leben entscheiden? Verbohrte Fanatiker? Naive Hippies? Bedürfnislose Asketen?

Oder einfach nur: glückliche Menschen?

Auch Patrick will das herausfinden – und dann womöglich hierbleiben. Gerade sitzt er im Gemeinschaftsraum der Kommune und schmiert sich ein Brot mit Apfel-Holunder-Aufstrich, hergestellt von der eigenen Mosterei aus eigenen Äpfeln, alles bio.

Vor anderthalb Wochen ist Patrick in die Kommune gezogen, wo sich alle nur beim Vornamen nennen, ein großer, kräftiger Mann, der als Jugendlicher miterlebte, wie sein Vater, ein IT-Experte, arbeitslos wurde. Freunde der Eltern wandten sich ab. Die Familie musste aus dem Haus ausziehen, das der Vater selbst gebaut hatte. Im Nachhinein war das wohl der Moment, in dem Patrick das Vertrauen in den Kapitalismus verlor.

Inzwischen ist er 25 Jahre alt, hat ein Freiwilliges Soziales Jahr in Mexiko absolviert, ein Studium angefangen und abgebrochen, mehrere Jahre auf Selbstversorgerhöfen gearbeitet und eine Schreinerlehre begonnen. Jetzt ist er hier, zumindest für ein paar Monate, um den Kommunismus auszuprobieren.

Uli ist Mitgründer der Kommune. Hier zählt er Geld für den alltäglichen Bedarf. © Joanna Nottebrock

In der Kommune geht es offiziell zu. Patrick durfte nicht einfach einziehen, er musste einen Antrag auf Probezeit ausfüllen. Das Schreiben hängt, für alle sichtbar, am Schwarzen Brett. Darin hat Patrick nicht nur eingetragen, wie alt er ist und dass er drei Geschwister hat, sondern auch, dass sein Zahnschmelz dünn ist und er deshalb eine private Zahnzusatzversicherung besitzt, die 21 Euro im Monat kostet. Das ist wichtig, denn diese Kosten muss, wenn er bleibt, die Gemeinschaft tragen, genauso wie die Beiträge für Patricks Berufsunfähigkeitsversicherung. Kommunismus hat eben viel mit Geld zu tun.

Patrick, auch das steht in dem Antrag, hat 5.500 Euro gespart. Das ist sein Vermögen, und das wird er verlieren, wenn er hierbleibt. Wer sich entscheidet, Kommunarde zu werden, entscheidet sich, seinen gesamten Besitz der Kommune zu vermachen, egal ob es um 5.000, 50.000 oder 500.000 Euro geht. Dafür übernimmt die Gemeinschaft auch die Verbindlichkeiten eines Neumitglieds, zum Beispiel Bafög-Rückstände oder Zahlungsverpflichtungen eines bankrotten Handwerksbetriebs. Wer Schulden hat, wird sie hier los.

Für sein neues Leben hat Patrick nichts mitgebracht außer zwei Bananenkisten, darin zwei Bücher, Laptop, drei Paar Schuhe, zwei Arbeitshosen, ein paar T-Shirts und Pullover, außerdem Bettdecke und Kopfkissen von daheim, damit er sich zu Hause fühlt. Das ist alles.

Sollte ihm das nicht genügen und er plötzlich Lust bekommen, andere T-Shirts anzuziehen als die, die er dabeihat, muss er nur in die Kleiderkammer der Kommune gehen. Dort hängen mehrere Dutzend Hosen, Hemden, Pullover und Jacken, nach Größe geordnet, auch für die Kinder. Alles für alle, jeder nimmt, was er braucht, das ist das Prinzip. Und jeder gibt, was er nicht mehr benötigt.

An der Wand hängt ein Schild, auf dem steht, weshalb es sinnvoll ist, gebrauchte Kleidung zu tragen: "Die Produktion einer Jeans benötigt bis zu 11.000 Liter Wasser, bis zum Verkauf wird die Jeans bis zu 50.000 Kilometer weit transportiert. Diese natürliche Verschwendung von Ressourcen wollen wir so nicht!"

Um sich in der Kommune besser zurechtzufinden, hat Patrick einen Plan gemacht. Er hat ihn Arbeitsbereichkennenlernplan genannt und den Zettel in sein Postfach im Gemeinschaftsraum gelegt.

Jeder Kommunarde, der sich vorstellen kann, dass Patrick bei ihm mitarbeitet, kann sich in den Plan eintragen. Diese Woche ist schon ziemlich voll. Morgen wird Patrick die Dielen einer Wohnung abhobeln. Übermorgen arbeitet er bei Uli in der Verwaltung mit, Papierkram erledigen. Heute, nach dem Frühstück, wird er Kartoffeln sortieren. Und nächste Woche ist er bei Kathrin, in der Tagespflege für Demenzkranke.