DIE ZEIT: Gratuliere, Herr Schulz, die SPD hat tatsächlich eine Wahl gewonnen!

Martin Schulz: Das ist wirklich Balsam auf die Seele einer geschundenen Partei. Gelöst ist damit aber noch keines der Probleme, die wir auf Bundesebene haben.

ZEIT: Wie geht es Ihnen nun insgesamt nach neun Monaten Wahlkampf, der in einer ziemlichen Niederlage endete?

Schulz: Ich bin am vorvergangenen Wochenende zum ersten Mal dazu gekommen, mich mal zu sortieren, habe dann lange mit meiner Frau und meinen Kindern diskutiert.

ZEIT: Die haben Sie getröstet?

Schulz: Dass meine Familie einen besonderen Stellenwert für mich hat, habe ich im Wahlkampf bereits mehrfach betont. Und wer mich in diesen Wochen und Monaten beobachtet hat, hat jemanden gesehen, der austeilen kann und gleichzeitig stark im Nehmen ist. Was mich bei manchen Kommentaren zum Spiegel-Porträt über mich wirklich verwundert hat, ist die Interpretation, es sei verlogen, mal Dampf abzulassen. In den entscheidenden Momenten, auf den Marktplätzen, bei den Gesprächen mit den Bürgerinnen und Bürgern, bei Interviews und TV-Auftritten, war ich immer zur Stelle und habe gekämpft. Es war ein Risiko, einen Journalisten so nah ranzulassen. Das war mir klar. Ich habe es trotzdem gemacht. Ich stehe dazu.

ZEIT: Und es war kein Fehler?

Schulz: Nein, es war richtig.

ZEIT: Hinterher hat man einen sehr menschlichen Schulz kennengelernt, aber warum nicht im Wahlkampf? Ist ein weicher, verletzlicher Schulz nicht wahlkampftauglich, muss die andere Seite eines Spitzenkandidaten immer abgespalten werden?

Schulz: (lange Pause) Das geht gar nicht, sich abspalten und jemand anderes sein. Ich war immer ich selber – auch in diesem Wahlkampf. Es gab natürlich Momente des Haderns, es gab aber auch viele großartige Momente, des Aufbäumens, der Zuversicht, des Kampfes, die in der Spiegel-Reportage leider ein wenig kurz kommen.

ZEIT: Die SPD hat vier Wahlkämpfe hintereinander verloren, mit vier verschiedenen Kandidaten – warum?

Schulz: Ich denke viel darüber nach, und ich habe ja auch deutlich gemacht, dass ich diese Frage gemeinsam mit meiner Partei erörtern werde, indem wir unter anderem bei Dialogveranstaltungen auch die Position unserer Mitglieder an der Basis hören. In einem werden wir uns alle aber sehr einig sein: Die SPD war immer dann am erfolgreichsten, wenn wir eine große Beständigkeit in unserer Führung hatten. Ständiges Rotieren und Wechseln geht auf Kosten von Stabilität und Glaubwürdigkeit. Dasselbe gilt für die Union, die unter Adenauer und Kohl, in der Vergangenheit auch unter Angela Merkel ihre größten Erfolge erzielen konnte. Frau Merkel hat jetzt ihr schlechtestes Ergebnis eingefahren, und sie wechseln sie trotzdem nicht aus. Das ist meine große Lehre: Den nächsten Bundestagswahlkampf werden wir mit großem Vorlauf planen und durchführen. Wir legen jetzt die Saat und werden dann auch wieder an die Erfolge von Brandt, Schmidt und Schröder anknüpfen können.

ZEIT: Darf ich Ihnen eine alternative Lesart anbieten? Die SPD hat drei Kanzler gestellt, Willy Brandt war die große Ausnahme, ein kurzer visionärer Anflug. Dann gab es die beiden Kanzlerschaften Schmidt und Schröder, die beide große Verdienste um das Land erworben haben; dennoch funktionierte bei beiden Machterhalt nur bei maximaler Selbstverleugnung für die SPD, sodass die Partei sich beide Male am Ende selbst nicht mehr kannte. Und die SPD hat dabei gelernt und fast genetisch verankert: Machterhalt geht nur mit Selbstverleugnung. Die Folgen von beiden Kanzlerschaften waren nicht nur, dass Schmidt und Schröder quasi verheiligt wurden, sondern dass jeweils eine neue Partei im linken Spektrum entstanden ist und vor allem: Es folgten jedes Mal 16 Jahre CDU-Kanzlerschaft.

Schulz: Die beiden Kanzlerschaften bestanden ja nun beileibe nicht nur aus Selbstverleugnung ...

ZEIT: ... das habe ich ja gesagt, große Leistungen für Deutschland ...

Schulz: ... für uns galt immer: Erst das Land, dann die Partei. Wir müssen aber begreifen, dass Deutschland eine starke Sozialdemokratie braucht. Wenn jemand glauben sollte, die SPD müsse sich in einem heroischen Akt opfern, um Deutschland Gutes zu tun, ist das ein gefährlicher Irrtum.