"Ich schreie. Niemand kommt. Er lässt los"

Ein Abend in Berlin, ich laufe die Stufen zur S-Bahn hinunter. Auf der Ebene zwischen Ausgang und Bahnsteig kommt mir ein Mann entgegen, mir fallen die geröteten Augen auf, dann habe ich ihn schon wieder vergessen. Ich denke an die Choreografie, die wir vorhin beim Tanzen einstudiert haben, plötzlich werde ich von hinten umarmt. Jemand aus der Tanzschule?

"Hey!", rufe ich. Es kommt keine Antwort.

Es ist der Mann von vorhin, er umklammert mich. Ein fremder Körper an meinem Körper, er drückt sich an mich.

"Was soll das?! Lass mich los!"

Von unten höre ich die Stimmen fremder Leute vom Bahnsteig hochhallen. Doch hier auf der Zwischenebene ist niemand. Nur er.

Er beginnt, sein Becken zu bewegen, stoßend. Will der mich etwa vergewaltigen? Hier, in einer S-Bahn-Station? Ich versuche, mich loszureißen, doch er ist stärker als ich. Gerangel. Gekeuche. Irgendjemand muss uns doch hören und diesen besoffenen, stummen Mann von meinem Leib reißen.

Ich öffne meinen Mund und schreie. Ich schreie so laut, dass das Echo durch die Station hallt.

Niemand kommt.

Er lässt los. Ich renne nach unten.

Schade, dass ich der Polizei damals nicht mehr über ihn sagen konnte.

Schade, dass ich der Polizei nicht mehr über dich sagen konnte. Arschloch.

#MeToo

Von Khuê Pham

"Der Fall Weinstein spielte in Hollywood. Bis jetzt"

Aufstehen, frühstücken, der erste Blick aufs Handy: #MeToo schreibt eine ehemalige Kommilitonin aus den USA auf Facebook. Den gleichen Hashtag postet eine Kollegin aus Istanbul, eine Freundin aus Bonn, eine ehemalige Lehrerin. Was passiert hier?

Zwischen Artikeln über den Rechtsruck in Österreich und Werbeanzeigen für Sneaker erklären zahllose Frauen aus meinem Bekanntenkreis, dass auch sie Opfer sexueller Übergriffe geworden sind. Manche von ihnen schildern ihre Erlebnisse: Sie seien begrapscht und gedemütigt worden, bedrängt und bloßgestellt.

Bislang spielte der Fall Harvey Weinstein in meiner Wahrnehmung im fernen Hollywood, in einer Welt von Prominenten und Exzessen. Unter Weinsteins Opfern sind Filmstars wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow, weltberühmt und weit weg.

Doch die Frauen, deren Einträge ich auf Facebook lese, sind keine TV-Berühmtheiten und auch keine Topmodels. Es sind Studentinnen, Berufsanfängerinnen und junge Mütter. Sie sind mir nah.

Mir war klar, dass es sich bei sexuellen Übergriffen gegen Frauen um ein Phänomen handelt, das andauernd und überall auftritt. Doch durch all die #MeToo-Schilderungen vor Augen geführt zu bekommen, dass es sich nicht um viele Einzelfälle handelt, sondern diese Art der Gewalt selbst in meinem privaten Umfeld System hat, ist ein Schock. Und ich frage mich: Warum wird mir das erst jetzt bewusst?

Von Paul Middelhoff

"Wir können uns wehren. Wir müssen es"

#MeToo hat Wucht. So viele! So viele Frauen, die begrapscht wurden, beschimpft, gedemütigt, allerorten, in jedem Alter, Beruf. Der Hashtag ermutigt uns, zu sprechen. Er schafft aus "Einzelfällen" ein großes Ganzes. Aber das ist mir nicht genug. Denn "Ich auch" erzählt nur die halbe Wahrheit. Wo "Opfer" sind, sind auch Täter – warum sprechen wir nicht darüber, wie wir uns gegen sie wehren können?

Ich fürchte, die Antwort ist Teil des Problems. Die Antwort steht versteckt in den Sätzen, mit denen Frauen und Mädchen leben, Sätze wie "Nimm dich in Acht!". Es wird uns gesagt, wir sagen einander!, wir könnten uns schützen, indem wir uns wegducken. Wir sagen einander zu wenig: "Du kannst dich wehren." Es ist gut, aufzubegehren. Wir helfen dir dabei.

Lasst uns nicht so stehen lassen, was man vielen von uns antut. Lasst uns teilen, was wir dagegen tun. Wir helfen einander nur weiter, wenn neben jedem "Ich auch" ein "Und so habe ich gekontert" steht oder auch: "So hätte ich gern gekontert", denn oft sind wir einfach überrumpelt. Es ist Teil jedes Übergriffs, die Frau sich hilflos fühlen zu lassen. Aber wenn wir uns gegenseitig auf die Sprünge helfen, werden wir beim nächsten Mal weniger hilflos sein.

Ja, me too. Oft. Oft blieb mir dann einfach die Spucke weg. Ein paar Mal habe ich geschrien. So wie neulich, als mir ein Mann im Vorbeigehen in den Schritt fasste. Ich habe ihn angeschrien, alle wurden Zeugen. So schnell habe ich selten jemanden weglaufen sehen.

Von Lea Frehse

"Spezifische Gewalt gegen Frauen, die System hat"

Auch Männer werden sexuell belästigt oder vergewaltigt. Überhaupt werden in der Welt viele Verbrechen verübt. Weshalb jetzt Männer ebenfalls unter #MeToo Opferstatus beanspruchen. Sie haben nichts begriffen.

Eine spontane, länderübergreifende Frauenbewegung deckt gerade das Ausmaß eines globalen Herrschaftsverhältnisses auf, das Patriarchat heißt. Ihr Thema ist nicht einfach schlechtes Benehmen oder Sexualdelinquenz, sondern eine spezifische Gewalt gegen Frauen, die System hat. Männer fallen ihr nicht zum Opfer.

Ein Ausnahmefall sind Aggressionen gegen schwule und transsexuelle Männer. Patriarchat und Homophobie begleiten einander, auch wenn die Wissenschaft über die Art des Zusammenhangs streitet. Liegt’s an der Religion? Oder an der Angst der Heteros davor, selbst ein bisschen schwul zu sein und daher der Rolle nicht zu entsprechen, die ihnen in einer patriarchalen Gesellschaft zukommt? Was auch immer die Motive der Täter, ihre Opfer haben Grund, sich bei #MeToo einzureihen. Alle anderen nicht.

Warum tun sie es dann? Vielleicht, weil ihnen die Kritik am Patriarchat gegen den Strich geht. Oder aus Solidarität; man kann durchaus solidarisch und zugleich gedankenlos sein. Oder weil sie am moralischen Emanzipationsgewinn der Frauen teilhaben wollen? Ich habe schon Männer kennengelernt, die sich von keiner Frau in ihrem Feminismus übertreffen lassen wollten. Nein, die solidarische Reaktion der Männer bestünde darin, über die eigenen Privilegien zu sprechen.

Von Gero von Randow

"Solidarität ist Macht. Und Mut ist ansteckend"

Meine Facebook-Timeline enthält derzeit ungewöhnlich viel Intimes. Alle paar Zeilen erzählen mir dort Frauen, dass – und oft auch auf welche Weise – sie schon von Männern belästigt wurden. Diese Intimität hat einen Effekt auf mich, den viele Artikel über Sexismus nicht mehr haben: Ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend, der Gedanke: Krass, die also auch. Genau das ist das Ziel der Aktion #MeToo. Es soll auf ein Problem aufmerksam machen, das viele Frauen verschweigen, weil es sich zu privat anfühlt, um darüber zu sprechen. Und es funktioniert. Je länger ich mich auf Facebook herumtreibe, desto sicherer bin ich: Fast jede Frau hat so etwas schon einmal erlebt. Aber reicht das?

Ich erinnere mich an die #Aufschrei-Kampagne, die eine Schilderung der Journalistin Laura Himmelreich Anfang 2013 auslöste. "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen", hatte der FDP-Politiker Rainer Brüderle damals zu ihr gesagt. Es folgten 60.000 Posts, in nur zwei Wochen. Wenn sexuelle Belästigung eine Folge von Machtgefälle ist, dann haben Hashtag-Wellen das Potenzial, dieses Gefälle ein wenig auszugleichen; kein Belästiger kann sich noch sicher sein, dass sein Opfer schweigt, weder ein Hollywood-Produzent noch der Vorgesetzte im Versicherungsbüro. Doch so schnell wie der #Aufschrei damals anschwoll, war er auch wieder vergessen. Es reicht nicht, eine Debatte anzustoßen. Sie muss auch weitergeführt werden. Damit man an den Posts nicht irgendwann vorbeiscrollt, weil man sie schon gelesen hat.

Von Laura Cwiertnia