Vor ein paar Wochen hat Hillary Clinton ein bitteres Buch veröffentlicht über ihre traumatische Niederlage gegen Donald Trump. Darin schreibt sie all die Dinge über ihn, die sie schon während des Wahlkampfs gern gesagt hätte. Wenn ihre Berater ihr davon nicht abgeraten hätten.

Sollte, so eine Überlegung während ihrer Kampagne, man einen Witz machen über Trump, dieses cheddarfarbene Mysterium, über sein seltsam schimmerndes Haar? Ihr Team entwickelte Hunderte von Pointen über diese offensichtliche Schießbudenfigur, testete sie dann auch ausgiebig an verschiedenen Versuchsgruppen und brachte am Ende – keine.

Es entsprach einfach nicht dem Gestus, den Clinton über Jahrzehnte in Washington verinnerlicht hatte, einer besonderen Sprache der Uneigentlichkeit, in der man jeden Satz gründlichst auf Angriffsflächen hin untersucht. Die Berater siegten, Clinton verlor. Womit wir bei Martin Schulz wären.

Wie man wegen eines beinahe schon pornografisch intimen Porträts über ihn im Spiegel weiß, wurde Schulz im Wahlkampf regelrecht geschliffen und poliert von Experten, Funktionären und Redenschreibern – bis kaum mehr etwas übrig blieb von dem Mann, der Angela Merkel unbedingt besiegen wollte. Man redete ihm ein, sich aus den Landtagswahlkämpfen herauszuhalten, denn das gefährde bloß deren Ausgang. Schulz solle nicht zu oft über Europa sprechen, sein Lieblingsthema, denn das interessiere die Leute nicht. Man strich ihm sogar Redepassagen, in denen er die Kanzlerin hart attackieren wollte, denn Merkel anzugreifen lohne laut Umfragen nicht.

Erst in der Elefantenrunde, Stunden nach Schließung der Wahllokale, bekam der Fernsehzuschauer dann noch einen kurzen Eindruck davon, wie Schulz hätte sein können ohne die Fesseln seiner Einflüsterer: laut, angriffslustig und frech.

Entgegen ihren eigenen Impulsen hielten Schulz und Clinton starr am Skript fest, während ihnen die Realität um die Ohren flog. Sie wirkten wie Wachsfiguren ihrer selbst. Sie hielten die Hochzeitsrede, obwohl die Braut gerade abgehauen war. Vielleicht hätte Schulz mal früher der Kragen platzen sollen. Und vielleicht hätte sich Hillary Clinton einfach mal lustig machen müssen über Trump. Als hätte sie den Typen nicht lächerlich gefunden, als hätten das nicht alle gewusst, dass sie den affig findet, als hätte sie Angst davor haben müssen, dass der Mann noch garstiger werden könnte, als er ohnehin schon war.

Das Problem ist doch, dass Politik in so aufgeheizten Zeiten wie den gegenwärtigen keine leidenschaftslose Angelegenheit mehr sein kann. Es geht nicht mehr um die Pkw-Maut, sondern um Existenzielleres; es geht darum, ob wir als Gesellschaft noch offen sein wollen, um große Begriffe: Heimat, Nazis, Grundgesetz. Die Unruhe unserer Gegenwart hat damit zu tun, dass die Menschen das Zeitgeschehen wieder sehr unmittelbar erfahren. Ein politischer Diskurs, der diese Erfahrung nicht spiegelt, sondern stattdessen als abgekartetes Spiel heruntergeleiert wird, den erlebt man zwangsläufig als abgehoben, realitätsfremd, vielleicht sogar als feindlich.

Ein Vorschlag: Die politisch Alteingesessenen könnten sich einmal neu fragen, warum sie überhaupt in die Politik gegangen sind. Sie könnten sich erinnern: Wofür wollte ich kämpfen? Woran glaube ich?

Als Frank-Walter Steinmeier 2014 bei einem Wahlkampfauftritt auf dem Berliner Alexanderplatz sprach, beschimpften ihn ein paar Krakeeler wegen der Ukrainekrise als Kriegstreiber. Steinmeier fuhr, wie man so schön sagt, aus der Haut, wobei die Haut hier eben der einstudierte Politikerhabitus war, und wurde zu einem Menschen, den die ehrliche Empörung dazu trieb zurückzubrüllen. "Die Welt besteht nicht nur auf der einen Seite aus Friedensengeln und auf der anderen Seite aus Bösewichten! Die Welt ist leider komplizierter!" Steinmeier schrie, sein Kopf wurde rot.

Das Publikum reagierte mit Begeisterung auf seinen Ausbruch, im Internet wurde ein Mitschnitt davon zum Hit. Es war so einfach, was er sagte, seine Wut war so ehrlich, man wollte ihn umarmen. Man sah, dass er glaubt, was er sagt.

Davon bitte – unbedingt – mehr.