Die linke Politikerin Sahra Wagenknecht ist jetzt also auch Rassistin. Zuerst wurde ihr das von linken Aktivisten vorgeworfen, die in einem offenen Brief auf der Facebook-Seite von Blockupy Europe behaupteten, die "wiederholten Äußerungen der bisherigen Fraktionsvorsitzenden" würden "den antirassistischen Grundkonsens einer pluralen Linken" infrage stellen. Welche Äußerungen das sein sollten, stand da leider nicht. Dafür wurde der Rassismusvorwurf ergänzt durch passende Anschuldigungen wie "Nationalismus" und "faktische Ablehnung der Gleichheit aller Menschen". Auch hier ersparten die Briefschreiber ihren Lesern Belege. Sie setzten wohl voraus, dass man Wagenknechts Positionen zur Flüchtlingspolitik kennt (etwa ihre Forderung, kriminelle Flüchtlinge abzuschieben, sowie ihre Warnung vor einer verschärften Terrorgefahr durch unkontrollierte Einwanderung) – und die für falsch hält. So falsch, dass man Wagenknecht gar nicht erst widerlegen muss, sondern gleich delegitimieren darf.

Schade. Denn so einfältig sind auch die Freunde der Linkspartei nicht, dass sie das mitmachen. Folglich hagelte es auf Facebook Kritik an den Briefschreibern, sie würden eine Wahlgewinnerin denunzieren. Das kann nun kein Denunziant auf sich sitzen lassen, wie man aus glorreichen Zeiten des staatstragenden deutschen Denunziantentums weiß, also legten die Feinde Wagenknechts nach. Auf Blockupy erklärte ein Sascha Stanicic, welche Ansichten der Fraktionschefin nicht links seien – und welche linken Ansichten wirklich links gewesen wären.

Als unbeteiligter, weil nicht Linkspartei gewählt habender Leser fragt man sich kurz, warum Wagenknecht es eigentlich links so weit gebracht hat und nicht vielmehr rechts. Aber Stanicic erstickt derlei defätistische Gedanken sogleich mit dem Verdikt: "Das alles" (nämlich Wagenknechts, nunja, wackliger Klassenstandpunkt) stehe "dem obersten Ziel sozialistischer Politik entgegen: soziale Kämpfe voranzutreiben, die von Lohnabhängigen und sozial Benachteiligten aller Nationalitäten und Religionen gemeinsam geführt werden". In diese Kämpfe möchte man lieber nicht hineingeraten, denn sie klingen gefährlich nach einer Rückkehr ins 20. Jahrhundert – zumal der Autor betont, dass er den "Staat im Kapitalismus" (also die Demokratie) für "kein demokratisches Instrument" (also abschaffenswert) hält.

Leider ist Stanicic nicht allein. Er hat wohl, wie das früher hieß, Gesinnungsgenossen. Thomas Seibert jedenfalls, ein Philosoph, bekräftigte in der taz den Rassismusvorwurf gegen Wagenknecht, dehnte ihn auf Nahles und Kretschmann aus – und garnierte ihn mit dem Wort, an deutschen Flughäfen werde jetzt "selektiert". Das mit dem "Selektieren" wiederholte er, damit auch jeder versteht, dass Deutschland voller Nazis ist. Was der Philosoph nicht sagte: Wer außer ihm und Stanicic und vielleicht noch Katja Kipping soll diese ganzen Nazis bekämpfen? Und wenn jeder ein Rassist ist, der nicht die richtige linke Meinung vertritt, sondern nur die falsche linke Meinung, was wird dann aus den richtigen Rechten? Manche von denen vertreten ja längst linke Meinungen, so in der sächsischen NPD. Sind das dann falsche Rechte oder rechte Linke? Und muss man sich als richtiger Linker mit denen verbünden gegen die falsche Linke Wagenknecht? Man blickt nicht mehr durch und hofft nur eins: Alles Nazis außer ich!

Hinweis: Der hier zitierte Beitrag von Sascha Staničić ist am 16. Oktober auf der Facebook-Seite von Blockupy Europe erschienen. Staničić weist darauf hin, dass er diesen Text bereits zehn Monate vorher geschrieben habe. Dies wurde auf Blockupy jedoch nicht kenntlich gemacht. Den Originalartikel von Sascha Staničić lesen Sie hier