Kürzlich, nach einer schlechten Nacht, dachte ich, während ich müde durch die Stadt stolperte: Wie schön wäre es, wenn mich jetzt jemand zu einem Nachmittagsschlaf einlüde. Jemand, der sagte: "Herzlich willkommen, hier steht ein Bett, eine halbe Stunde werden Sie schon entbehrlich sein", und dann leise die Tür hinter sich schlösse.

Doch niemand wird mich zum Schlafen einladen. Vielleicht würde man mich zum Coaching schicken, damit ich endlich meine Zeit besser organisiere. Mir eine Broschüre in die Hand drücken: "So funktioniert man mit nur vier Stunden Schlaf". Oder mich an Merkelputinmacron erinnern, die doch auch mit drei, vier Stunden locker durch jeden Verhandlungsmarathon kommen.

Schlafen, viel schlafen, das tun bei uns die Weicheier, diejenigen, die sich nicht zusammenreißen, die ihren Körper nicht zu einem effizienten Instrument ihrer optimierten Existenz geformt haben. Der Schlafforscher Till Roenneberg sagt, dass er nach Vorträgen regelmäßig nach Konzepten gefragt werde, wie man mit weniger Schlaf auskommen könne. Schlaf, das ist vergeudete Lebenszeit, und wer das Beste aus sich herausholen will, dreht auch an dieser Stellschraube. Das ist, glaubt man Roenneberg, ausgesprochen dumm: "Es ist so, als würde man jemandem raten, kleinere Schuhe zu kaufen, weil die billiger sind. Sie passen aber nun mal nicht", sagt er.

Es ist sonderbar mit dem Schlaf, er ist uns banal-vertraut und unheimlich in einem, aber nur die Kinder sprechen es offen aus. "Ich will nicht schlafen", rufen sie einstimmig in allen Kinderzimmern des Landes, weil sie noch so viel vorhaben und vielleicht, weil ihnen das Sonderbare dieses Grenzübertritts klarer ist: vom Wachsein zum Nichtwachsein, vom Bestimmen zum Überwältigtwerden.

Überwältigtwerden, das ist theoretisch ein Gefühl, das hoch im Kurs steht: überwältigt werden von der Liebe, vom Sex, zur Not auch vom neuen Deo oder vom neuen Grill, aber da, wo wir es jeden Abend frei Haus ohne großen Aufwand bekommen könnten, winken wir ab. Guter Schlaf ist bei uns domestizierter Schlaf, und was den Hundezüchtern mit dem Belgischen Zwerggriffon gelungen ist, haben die Manager mit dem Power-Nap erreicht. Die Königsdisziplin ist dann der gelenkte Traum, die dazugehörige Technik heißt Klarträumen, und wer als Sportler auf sich hält, übt damit den idealen Bewegungsablauf noch im Schlaf.

Der Schlaf wird entweder mystifiziert oder kontrolliert, sagt der Schlafforscher Roenneberg, doch heute raunen wir im Allgemeinen weniger vom Bruder des Todes, als dass wir schauen, wie wir unser Schlafbedürfnis unter unsere Kontrolle bringen. Der, sagen wir, Appell an die Kinder, jetzt mal einzuschlafen, ist dringlicher geworden. Früher, so schreibt der Schlafforscher Alfred Wiater, habe man die Kinder schlicht schreien lassen, wenn keine Großmutter die Muße hatte, sie herumzutragen. Heute, wo wir weniger Kinder haben, bei deren Aufzucht nichts dem Zufall überlassen wird, ist der Schlaf nicht länger etwas, was sich irgendwann einstellt: "Jedes Kind kann schlafen" ist der kategorische Imperativ für den Säugling.

Aber siehe da: Der Schlaf entschlüpft den Optimierern wie ein Aal der Hand des Fischers. Eine Gesellschaft, die ihn zum notwendigen Übel degradiert hat, gibt Millionen aus für Schlafmittel, die am Ende doch nur bewirken, dass man den nächsten Tag mehr bleiern als erfrischt beginnt.

In Zentraleuropa sind nur bei rund 13 Prozent der Bevölkerung die soziale und die biologische Zeitzone deckungsgleich, das heißt, die übrigen 87 Prozent leben mehr oder weniger stark gegen ihre innere Uhr. "Wir treten diese innere Uhr seit 150 Jahren zunehmend mit Füßen", sagt Till Roenneberg. Weil wir den Sonnenuntergang längst nicht mehr als das Ende des Tages akzeptieren. Weil wir "den natürlichen Hell-dunkel-Wechsel künstlich verändern", so nennt es Roenneberg. Dabei empfiehlt doch schon die Bibel: "Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf." So steht es in Psalm 127.

Der Schläfer gehört nicht zu den Wehrhaften, Schlaf macht verletzlich. Kürzlich fuhr ich mit dem ICE von Berlin nach Hamburg, es war erst kurz nach zehn, und trotzdem schliefen die Leute in ihren Sitzen, sie telefonierten nicht, sie sahen keine Filme auf ihren Laptops, sie saßen da und schliefen. Man konnte eine Idee davon bekommen, dass sie nicht nur Fleisch gewordenes Geschäftsgespräch waren, sondern auch in die Jahre gekommene dickliche Jungen. Kein Wunder, denkt man, wenn man sie so betrachtet, dass ein englischer Jungunternehmer seine Chance in Schlafröhren sieht, in denen Angestellte Mittagsschlaf halten sollen, ohne sich den Blicken ihrer Kollegen und Arbeitgeber auszusetzen.