Was geschieht im Gesicht des Kandidaten, im Moment des Triumphes, als er im Kursalon Hübner vor seine Anhänger tritt? Fast nichts. Sebastian Kurz lächelt beinahe scheu, nur der Mund verzieht sich ganz leicht und muss eine winzige Schräglage einnehmen, um das, was an innerer Bewegung da ist, zu verbergen.

Dieses Fast-Nichts ist vielleicht das Geheimnis dieses Mannes, der in seiner bisherigen Regierungskarriere und im Wahlkampf makellos und unberührbar seine äußere Form bewahren und zugleich – oft von Satz zu Satz die Rolle wechselnd – wandelbar erscheinen konnte. In seinen Auftritten gab er den Schlagerstar, der keinen Griff in die Kitschkiste scheut, um das Publikum an sich zu binden, den werte- und merksatzbewussten Konservativen, den Ratgeber im Predigtstil, den bösartigen Demagogen und den Staatsmann, alles mit der gleichen sanften Überzeugungskraft. Auf den Wahlplakaten blickt er, schräg von unten aufgenommen, wie eine von den eigenen Visionen geblendete Führergestalt über seine Schulter in eine für uns unsichtbare Ferne. Ein schicksalsumflorter Blick, dank Photoshop von jeder Natürlichkeit befreit; ein unwirklicher Glanz um die Augen des Kandidaten, als sollte er reine Verheißung darstellen. Die Bewegung, von der er immer wieder spricht. Das Neue, von dem er immer wieder spricht.

Neben dem Foto waren nur Sätze zu lesen wie: "Tun, was richtig ist." Oder (erstaunlich bei einem so jugendlichen Kandidaten): "Jetzt oder nie."

Diese Inszenierung, in Verbindung mit einem Programm, das in Teilen weit rechts vom üblichen Standard westeuropäischer konservativer Parteien liegt, konnte Menschen aus dem 20. Jahrhundert an die Ikonografien eines Führerkults erinnern, doch vielleicht ist das eigentlich Merkwürdige – und womöglich Zukunftsweisende – daran etwas anderes. Nämlich die seltsame Symbiose zwischen der Inszenierung von Sebastian Kurz als Heilsbringer und Lichtgestalt und seiner Neigung zu betulichen Merksätzen, inhaltsleeren Versprechen und Parolen. Zeit für Neues. Für uns alle. Es ist Zeit.

Wer ist dieser Mann, der bald Bundeskanzler sein wird? Leichter ist es, zu sagen, wer er nicht ist.

Wenn man Sebastian Kurz mit dem letzten beunruhigend begabten und neuartigen Politiker Österreichs, Jörg Haider, vergleicht, so ist der prägnanteste Unterschied: Nichts an Kurz lädt dazu ein, ihn psychoanalysieren zu wollen. Es scheint keinerlei geheime Antriebe, keinerlei familiäre Verstrickungen, keinerlei Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten zu geben. Was nicht allein damit zusammenhängt, dass für ihn und seine Generation Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg in historischer Ferne liegen.

Während sich Kurz nicht scheut, nach dem Vorbild rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien Ausländer und Flüchtlinge als Feindbild einzusetzen, kommt man zugleich kaum auf die Idee, er wäre xenophob oder Ausländerhasser. Seine Rhetorik und sein Auftreten kommen ohne Hass und Gegeifer aus; nie wird sich sein Gesicht so verräterisch verzerren wie das der Le Pens, von Strache oder, in unkontrollierten Momenten, das von Norbert Hofer. Kurz erweckt nicht den Eindruck, etwas zu fürchten oder zu hassen, vielmehr bewegt er sich souverän durch Sätze und Argumentationslinien, die für sich stehen, deren Rhetorik nicht die Unterfütterung durch eine individuelle Emotion braucht. Genauer gesagt: Er zeigt immer genauso viel Emotion, wie für das jeweilige Argument nötig scheint; gibt sozusagen Emotionen wieder, ohne den Eindruck zu erwecken, er – das heißt, die Inszenierung – wäre durch seine eigenen Gefühle geleitet oder behindert. Diese Fähigkeit zum Wechsel der Register, dieser Mangel, der zugleich Souveränität ist, macht ihn für Menschen, die sich für gemäßigt halten, glaubhaft und akzeptabel.

Ebenso unterscheidet sich seine Rhetorik von jener der ungarischen oder polnischen Nationalkonservativen, zu deren Modell eines autoritären Umbaus des Staates er beängstigend wenig auf Distanz gegangen ist. Von deren Neigung zu historischen Mystifikationen und bizarrem Blut-und-Boden-Geschwurbel ist bei seiner Bewegung kaum eine Spur zu finden. Der Politiker Kurz interessiert sich, im Unterschied zu Orbán oder Kaczynski, nicht besonders für Geschichte, bezieht sich nicht auf sie, fühlt sich nicht durch sie belastet. Insofern ist die Bewegung (so viel an ÖVP- wie auch FPÖ-Inhalt darin versteckt ist) eine genuin jugendliche, aber sie ist nicht nur das.

Die Bewegung von Kurz funktioniert vor allem durch ihre Leerstellen.

Darin entsprechen sich Person und Bewegung mit erstaunlicher Übereinstimmung.