Man muss es doch so sehen: Der Filmproduzent Harvey Weinstein, der weltberühmte Hollywood-Schauspielerinnen reihenweise missbraucht hat, ist kein Einzeltäter. Nicht er ist der Skandal, sondern das patriarchale Zeitalter, in dem Regisseure, Produzenten, Verleger, Philosophen und Chefredakteure den Eindruck hatten, die Herren des Universums zu sein. Sie definierten die Verkehrsregeln in der Grauzone zwischen Intimität und Macht, bestimmten über Vorfahrt oder Geschwindigkeitsbegrenzung von Karrieren. Die Älteren unter uns erinnern sich an ihr bellendes Lachen, ihre erigierten Zigarren, ihre wehenden Trenchcoatflügel, auf denen sie durch die sechziger und siebziger Jahre segelten, als spürten sie nicht einmal einen Luftwiderstand. Es war ihre große Zeit.

Damals ging das uralte Machotum ein für die Frauen gefährliches und verwirrendes Bündnis mit der sexuellen Befreiung ein. Auf der Bühne, im Film sah man die ersten Nackten und freute sich an der Kühnheit, mit der die Künstler die Prüderie der fünfziger Jahre hinwegfegten. Danach landeten die Schauspielerinnen im Bett der Tabubrecher. Der Linke Sartre ließ sich von Simone de Beauvoir deren Schülerinnen zuführen. Fortschrittliche Chefredakteure wie Rudolf Augstein legten sich mit den Verlogenheiten der Adenauer-Republik an und empfingen die Sekretärin zum Bewerbungsgespräch im seidenen Morgenmantel. Auch einzelne unserer hochverehrten ZEIT-Veteranen waren ausgewiesene Koryphäen des Herrenwitzes und der sexuellen Anzüglichkeiten. Die linksliberalen Gentlemen nahmen sich das Beste aus beiden Welten. Sie streuselten eine Prise 68er-Libertinage über den Sexismus, mit dem schon ihre Großväter den Dienstmädchen nachgestellt hatten.

Der Spuk dauerte beinahe bis in die nuller Jahre. Vielleicht ist er noch immer nicht ganz vorbei. Doch Weinstein ist (Trump hin oder her) eine Flaschenpost aus dem Machismo des 20. Jahrhunderts. Sein Fall hat in den sozialen Netzwerken Schleusen geöffnet. Der Blick zurück in das männliche Sonnenkönigtum der Kunst- und Medienbranche ist überfällig. Die Vergangenheitsbewältigung hat gerade erst begonnen.

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