Wenn Euphorie ein Programm ist, dann haben es die Wiener Genossen am Wahlabend mustergültig inszeniert. Nach jeder neuen Hochrechnung brach im vollgepferchten Festzelt neben dem Burgtheater Jubel aus, weil die Prognosen zwar bestätigten: Die SPÖ hat das Kanzleramt an eine ÖVP unter türkiser Flagge verloren. Doch die FPÖ konnte gerade noch auf Distanz gehalten werden.

Für den Frohsinn im Partyzelt ließe sich eine einfach Erklärung anführen: Er war gespeist von Erleichterung. Nach all den Schlammschlachten in diesem Wahlkampf, in denen der vor nicht allzu langer Zeit geborene Stern des roten Messias Christian Kern verglühte, bedeuten 26,8 Prozent immerhin keine weiteren Verluste gegenüber dem historisch schlechtesten Ergebnis bei Nationalratswahlen von vor vier Jahren.

Doch das Ergebnis hat für die SPÖ unangenehme Konsequenzen. Es ist in der Partei unbestritten, dass sie sich neu aufstellen muss. Nur wie? Soll sie nach links oder nach rechts ziehen?

Da ist zum einen das Ergebnis in der Hauptstadt: Mehr als am Abschneiden der Bundespartei weideten sich Wiener Genossen am Wahlabend an sich selbst. Hier in Wien hat die Partei nicht nur das große Abrutschen verhindern können, hier hat sie sogar fast drei Prozentpunkte gewonnen. "Wir sind diejenigen, die gegen den schwarz-blauen Block auftreten", meinte Finanzstadträtin Renate Brauner.

Nur ist die rote Trutzburg Wien ein Luftschloss, ebenso gespalten wie die Partei im ganzen Land. "Unfassbar, dass im @SP_Wien Zelt Verlust des Kanzleramts euphorisch gefeiert wird. Es ist kein Tag der Freude", ätzte der rote Wiener Gemeinderat Christian Deutsch via Twitter in Richtung seiner Parteifreunde. Deutsch ist einer der lautstärksten Kritiker von Bürgermeister Michael Häupl und Unterstützer des roten Wohnbaustadtrats Michael Ludwig, der sich als Erster in Stellung gebracht hat für die Häupl-Nachfolge, die spätestens im Jänner entschieden sein soll.

Doch dort, wo Ludwig und Deutsch zu Hause sind, im rechten Flügel der Partei, der sich weitgehend mit den Wiener Flächenbezirken deckt, hat die SPÖ an diesem Sonntag verloren – gewonnen hat die FPÖ. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Burgenland: Mehr als vier Prozentpunkte hat die Sozialdemokratie ausgerechnet dort eingebüßt, wo sie unter Landesparteichef Hans Niessl schon vor mehr als zwei Jahren eine Koalition mit der FPÖ einging und ganz auf das Thema Sicherheit setzte.

Also Hände weg von einer Koalition mit den Blauen? Dafür spricht, dass es derzeit keine starke linke, gesellschaftsliberale Partei auf Bundesebene mehr gibt. In dieser Situation kann sich eine Partei mit dem Adjektiv "sozialdemokratisch" im Namen nicht profilieren, wenn sie weiterhin auf Law and Order setzt.

Doch diese Wahl nimmt auch dem linken Häupl-Lager den Wind aus den Segeln: Ausschlaggebend für das passable Abschneiden in Wien war das grüne Desaster, von dem die SPÖ profitiert hat. Vor allem in den innerstädtischen Bezirken, ehemaligen Hochburgen der Grünen, sowie in den Landeshauptstädten, also im urban-liberalen Milieu, dort zeigt sich: Wer Schwarz-Blau oder einen blauen Kanzler verhindern wollte, der kreuzte häufig SPÖ an. Aus taktischen Gründen.

Für eine sozialdemokratische Renaissance reicht das nicht. Unter den jüngeren Wähler überzeugt die SPÖ am wenigsten von allen Altersgruppen. Bei den unter 30-Jährigen kommt sie auf gerade einmal 17 Prozent der Stimmen. Sie kann zwar noch bei Pensionisten und bei öffentlichen Bediensteten, also ihrem Stammklientel, punkten. Doch den Wandel am Arbeitsmarkt hat sie ausgeblendet, das wachsende Prekariat unter jüngeren Wählern erreicht der behäbige Apparat kaum.

In seiner Studie zu den Wählermotiven schreibt der Politologe Fritz Plasser: Der Wunsch nach Erneuerung und Veränderung sei ein zentraler Erklärungsfaktor für den Ausgang dieser Wahl. Aber just dieser Aufschwung, diese Frische, die Christian Kern mit seinem Plan A im Jänner vorgeben wollte, hatte sich im koalitionären Kleinkrieg rasch verflüchtigt. Zugleich verhedderte sich die Partei in internen Streitereien.

Und genau dort macht sie bereits in den ersten Stunden und Tagen nach dieser Wahl weiter. Der Beschluss, im Fall des Falles sowohl mit der ÖVP wie mit der FPÖ Koalitionsgespräche zu führen, ist nicht dazu geeignet, die Kontroverse zu befrieden. Ob sich der Konflikt zwischen Lagern, Länderorganisationen und Machtfiguren noch weiter zuspitzt, wird zuallererst davon abhängen, wer sich im Wiener Rennen um die Häupl-Nachfolge durchsetzen kann. Immer häufiger fällt der Name der bisherigen Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner. Sie ist eine mögliche Kompromisskandidatin für alle Fraktionen – und Christian Kern erhielte etwas mehr Zeit, um seine Partei neu auszurichten.

Aber es gibt da noch ein anderes Szenario, wenig wahrscheinlich zwar, aber umso gruseliger für die linken, weltoffenen SPÖ-Wähler: Setzt sich in den kommenden Wochen die rechte Fraktion um Hans Niessl und Hans Peter Doskozil durch, dann bleiben im Parlament nur eine Handvoll progressiv-liberale Abgeordnete. Dann befinden sich links eines blau-schwarz-roten Blocks nur noch die Neos und die Liste Pilz.