Venedig konnte auch damals, Mitte des 16. Jahrhunderts, sehr kalt sein. Doch war es erfüllt von einem inneren Feuer, von dem Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein. In der Stadtrepublik liefen die Fäden von Ökonomie, Religion, Wissenschaft und Macht zusammen. Zwar verlor sie bereits an Einfluss, aber war immer noch der Ort, an dem sich der Reichtum vor aller Welt in Schönheit verwandeln ließ. Venedig war die bildhafte Stadt, die Stadt der Bilder. Und so lief ein gewisser Jacopo Robusti, genannt Tintoretto (1519 bis 1594), unermüdlich zu den Kirchen, zu den Palazzi der mächtigen Bruderschaften, zur Entourage des Dogen, um Aufträge für sich und seine kleine, familiäre Maler-Werkstatt zu ergattern. Oft verlangte Tintoretto als Lohn nur die Kosten für seine Mal-Utensilien, so groß war sein Eifer, so groß die Sehnsucht, den Umbrüchen, Revolten, Katastrophen seiner Zeit seine Bilder entgegenzusetzen.

Wer jetzt nach Köln reist, um Tintoretto in der furiosen Ausstellung des Wallraf-Richartz-Museums für sich zu entdecken, der wird erstaunt, wird erschreckt sein. Viele Werke sehen aus, als seien sie mit Blut, Galle, Eiter und Tränen gemalt. Zerrissen und aus dem Feuer gezogen. Als wären es Zornausbrüche oder Angstschreie. Als hätte nichts und niemand in ihnen Halt und Stand. Mit Raffael waren Vergeistigung und Harmonie des gemalten Menschen zur Vollendung gelangt, bei Tintoretto ging sie, manchmal ziemlich wörtlich, wieder zum Teufel.

Denn die Ordnung von geistlicher und weltlicher Macht war in der Zeit von Reformation und Gegenreformation zerbrochen. Die Zukunft war nicht mehr durch eine göttliche Ökonomie gesichert, in der sich alles Leiden schließlich in großer Gnade auflöst und man sich die Welt als Widerschein dieser Gnade vorstellen kann. Wenn Tintorettos Erzengel Michael mit dem Satan in Gestalt eines Drachen kämpft, dann tut er es nicht mehr metaphorisch allein, sondern mit der Wut von einem, der im Gewirr der Leiber sein Ziel ausmachen muss. Zumal unklar bleibt, wer in diesem Gewimmel wichtig ist und wer nicht, wer zur Entourage des Engels und wer zu der des Drachen gehört. Die große Ordnung geht verloren, dafür zeigt sich eine neue Erscheinungsform des Menschen: das Subjekt.

Tintoretto steht aber wie die meisten Künstler seiner Zeit nicht allein für eine Stimmung und eine malerische oder eben philosophische Strategie, sondern auch für ein Geschäftsmodell. Er ist, um es kurz zu sagen, der Erfinder des Seriellen in der Malerei. Zuvor war es üblich, dass von den bekannten Gemälden der Meister Kopien gefertigt wurden (und dann Kopien von den Kopien). Tintoretto indes ging einen anderen Weg. Er zerlegte seine Bilder in Elemente, die er für ein nächstes Bild neu zusammenfügte. Mit Fug und Recht konnte er auf diese Weise behaupten, aus seiner Werkstatt kämen Originale zu einem Preis, den man bei der Konkurrenz für eine Kopie bezahlte.

Hier also begegnen sich Technik, Ökonomie und Ästhetik aufs Trefflichste. Um ein beständiges Neuarrangement von Bildelementen zu ermöglichen, müssen diese dynamisch und offen zueinander sein. Das Bild muss in Bewegung geraten, und diese Bewegung drückt nun eben nicht nur die unsicheren Zeiten aus, sondern auch geänderte Produktionsweisen.

Das Räumliche in Tintorettos Bildern, das wir noch heute bewundern, ist ebenso Ausdruck einer veränderten Wahrnehmung (der große Zweifel an der Zentralperspektive) wie Folge einer klugen Arbeitsweise: Tintoretto mit seinem Faible für Großformate inszenierte die Bilder vermittels Bühnenmodellen und Wachsfiguren, und zwar oft so, dass die realen Räume und das Licht aus dem wirklichen Leben in die Inszenierung einbezogen waren.