Das könnte der Stoff sein, aus dem Revolutionen gemacht werden. Tania Singer, 47, Deutschlands führende Hirnforscherin, hat die Ergebnisse ihrer Forschungsreise ins "soziale Gehirn" des Menschen veröffentlicht. Die Direktorin für Soziale Neurowissenschaft am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften wollte wissen: Können wir durch mentales Training gesünder werden und mehr Empathie schöpfen?

Gefühle, so Singer, bilden sich im Hirn ab – ebenso wie Sprache, Denken oder Wahrnehmung. So wie wir Oberarmmuskeln trainieren, können wir – etwa durch Meditation – auch das Gehirn in Form bringen: Wir werden dadurch aufmerksamer, können unser Herz öffnen oder Abstand zu einer überwältigenden Gedankenflut gewinnen. "Am Ende", sagt Singer, "entstehen wissenschaftlich fundierte Programme, um Qualitäten wie Mitgefühl auf der Welt zu stärken."

Schon als junge Professorin wollte sie wissen, wie wir uns in Beziehungen verhalten und uns gegenseitig beeinflussen. Im Hirnscanner sah sie, dass Menschen mitleiden, wenn andere Schmerz empfinden. Singer lernte auch, dass Menschen anderen mehr vertrauen und mit ihnen kooperieren, wenn sie zuvor über Mitgefühl meditiert haben. Meditation öffnet den Geist.

Um das zu beweisen, hat Singer das "ReSource Project" mit mehr als 300 Testpersonen begründet, das sogar ein eigenes Häuschen an der Humboldt-Universität in Berlin belegt. Die meisten Probanden, im Schnitt 43 Jahre alt und berufstätig, durchliefen dabei ein Trainingsprogramm von fast einem Jahr. Sie meditierten regelmäßig mit spezialisierten Lehrern und übten sechs Tage pro Woche zu Hause. Nach jeder Etappe durchleuchtete Singers Team ihre Gehirne, testete ihr Verhalten und untersuchte ihr Blut.

Zunächst war Achtsamkeit das Ziel, also aufmerksam und ruhig im Hier und Jetzt zu stehen. Dann konzentrierten sich die Versuchspersonen auf soziale Emotionen wie Mitgefühl und Dankbarkeit. Zum Schluss übten sie, sich selbst und die Gedanken der anderen besser zu verstehen. Zu ihren sozialen Übungen gehörte etwa, dass sich je zwei von ihnen übers Telefon und auch persönlich austauschten. Erst redetet der eine (zum Beispiel darüber, was ihn dankbar mache), dann sprach der andere. Wer zuhörte, durfte nicht unterbrechen, nicht kommentieren, nicht einmal nicken. Den anderen wirken zu lassen und seine Perspektive einzunehmen war die Aufgabe.

Durch das mentale Fitnesstraining der 300 Personen entstand ein gewaltiger Datenschatz. Was sich aus ihm lernen lässt, haben Singer und Co. nun veröffentlicht: Meditieren versetzt Menschen demnach nicht nur vorübergehend in friedfertige Stimmung oder macht sie kurzzeitig aufmerksamer und sozialer – nein, es stärkt messbar und nachweisbar ganz bestimmte Verbindungen im Kopf. Wie das Sixpack am Bauch wachsen gewissermaßen die Muskelmassen des Geistes. Je nachdem, was trainiert wird, schwillt ein anderer Teil des Hirns an. Auch die Verhaltenstests zeigen: Die Trainingseinheiten wirken.

Nur die Bluttests zeigen nicht sofort eine Veränderung: Das Auftreten des Stresshormons Cortisol bleibt durch Achtsamkeitsmeditation unverändert. Die innere Unruhe zurückzudrängen gelingt erst mit sozialem Training – vielleicht weil das Kommunizieren zu zweit die jedem innewohnende Angst lindert, vom anderen verurteilt zu werden.

Singers Forscher meditierten bei ihren Treffen auch selbst. Regelrecht "freudvoll" sei es im Team zugegangen, sagt die Chefin, und die Entscheidungen seien weitsichtiger ausgefallen als in den klassischen Businessmeetings, bei denen jeder nur auf sich selbst schaut. Ihre zentrale Botschaft: Auch bei Erwachsenen lassen sich Vorlieben und Verhalten noch nachhaltig verändern.