Bastian Lischewsky wurde eingestellt, um das Licht zu löschen. "Eigentlich sollte ich die Grabung beenden." Seit hundert Jahren arbeiten sich Archäologen in Eppelsheim durch die Sedimente des Ur-Rheins. Mehr als zwei Dutzend Säugetierarten aus prähistorischer Zeit wurden hier erstmals gefunden, wo vor 10 bis 15 Millionen Jahren der Rhein floss. Urelefanten, Säbelzahntiger, Nashörner, Urpferde, Bärenhunde lebten in der Gegend. Ihre Gebeine in den Sedimenten boten Fundstücke für Archäologen-Generationen.

Dann kam der Entscheid, 2016 werde die Grabungsstelle geschlossen. "Aber nun geht’s doch weiter", sagt Lischewsky. Das verdankt er seinem Studenten Tom Barczynski. Der stieß im vergangenen Jahr auf zwei Zähne. Hätten die bernsteinfarbenen Beißer zu einem normalen Tier gehört, wären sie nichts Besonderes gewesen. Doch der eine, ein oberer linker Eckzahn, zeigte so viele Besonderheiten, dass den Wissenschaftlern des Naturhistorischen Museums in Mainz dämmerte, dass sie etwas Exklusives entdeckt hatten. Ein Stückchen Menschenaffe?

"Bei der Datierung waren wir uns schnell sehr sicher", sagt Grabungsleiter Lischewsky. Die Sedimente stammen aus der Zeit der Mittel-Vallesischen Krise. Diese Abkühlungsphase beendete einst das subtropische Savannenklima und führte zu einem Massensterben. Die Zähne müssen daher älter als 9,7 Millionen Jahre sein.

Das Massensterben machte den menschenartigen Affen-Spezies am Ur-Rhein den Garaus, einem Exemplar von ihnen gehörten wohl die Zähne. "Wir haben einen der letzten Mohikaner gefunden", sagte Herbert Lutz, stellvertretender Direktor des Mainzer Museums, vergangene Woche bei einer Pressekonferenz.

In den Monaten nach dem Fund versuchten die Wissenschaftler vergeblich, die Funde dem Gebiss einer europäischen Uraffenart zuzuordnen. Halbwegs fündig wurden sie in Afrika. Der Eckzahn zeigt Ähnlichkeit mit den Zähnen berühmter Vorfahren, genauer mit Ardi und Lucy. Das machte die Suche noch verworrener. Denn Ardipithecus ramidus lebte vor 4,4 Millionen Jahren, und Lucy, die berühmte Dame der Art Australopithecus afarensis, vor 3,2 Millionen Jahren. Nach den bislang bekannten Richtgrößen der Menschheitsgeschichte lagen die Zähne aus Rheinhessen also viel zu früh am falschen Ort.

Die Mainzer sind daher sicher, es mit einer neuen Menschenaffenart zu tun zu haben. Einer aus unserem Stammbaum? Lag die Wiege der Menschheit in Rheinland-Pfalz? Um den Spekulationen Fakten hinzuzufügen, sollen weitere Spezialisten die Zähne begutachten. Und Grabungsleiter Lischewsky macht sich wieder an den Sedimenten des Ur-Rheins zu schaffen. Er weiß, wo er nach Skelettteilen des rätselhaften Ahnen suchen wird: "Vielleicht liegt der Oberkiefer stromaufwärts."

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