Warum sollten sich Europäer für Floppy Disks in Wyoming und für Eisenbahn-Pritschenwagen im südwestrussischen Kapustin Yar interessieren? Weil aus beiden eine atomare Bedrohung dieses Kontinents erwächst, wie es sie seit den 1980er Jahren nicht mehr gab. Alles kommt gerade wieder: Ost-West-Spannungen, Raketen, nukleare Angriffsszenarien und Präsidenten, deren Rationalität schwer einzuschätzen ist.

Europäische Verteidigungspolitiker übersehen seit Längerem geflissentlich, dass sich Amerika und Russland in einem neuen Rüstungswettlauf befinden. Jetzt aber werden sie hinschauen müssen, vor allem die neue Bundesregierung. Denn was in den kommenden Monaten in Washington und Moskau entschieden wird, könnte zu einer hochriskanten Stationierung neuer Atomwaffen in Deutschland führen. Es könnte sogar, im schlimmsten Fall, das Ende all jener Abrüstungsverträge mit sich bringen, die in den vergangenen 40 Jahren mühsam zwischen Ost und West geschmiedet worden sind.

Um mit den Floppy Disks in Wyoming zu beginnen: Sie sind das anschaulichste Beispiel dafür, wie sehr das US-Atomwaffenarsenal technisch veraltet ist. Bis heute werden in den Kommandozentralen von amerikanischen Raketensilos die breiten, biegsamen Datenscheiben aus den 70er Jahren verwendet, und zwar in jenen Computern, die einen Feuerbefehl des US-Präsidenten empfangen würden. Nicht nur diese Hardware soll nun ersetzt werden, sondern auch die ebenso betagten Minuteman-Interkontinentalraketen, Atom-U-Boote, Bomberjets, Kommunikationssatelliten sowie sämtliche nuklearen Raketensprengköpfe und Bomben.

Zu Letzteren zählen auch die sogenannten B61-Atomwaffen, die auf dem Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz lagern. Ihre Sprengkraft ist flexibel und kann das gut 20-Fache der Zerstörungsenergie der Hiroshima-Bombe erreichen. Die B61 müssten, so will es die "nukleare Teilhabe" der Nato, im Kriegsfall von Bundeswehr-Tornados abgeworfen werden. Auch diese Bomben sollen durch eine zielgenauere Variante ersetzt werden.

Doch all das reicht einigen Militärplanern und Kongressabgeordneten in Washington nicht. Sie wollen zusätzlich moderne, atomar bestückte Cruise-Missiles in Europa stationieren, sogenannte Langstrecken-Distanzwaffen oder Long-Range Stand-Off Weapons. Deren Abkürzung, LRSO, sollte man sich merken. Sie sind so etwas wie die neue Pershing II, also jener Raketen, gegen deren Aufstellung in Westeuropa 1983 Hunderttausende Deutsche auf die Straße gingen.

Warum Cruise-Missiles nach Europa gebracht werden könnten, das hat nun mit den Pritschenwagen im russischen Kapustin Yar zu tun. Auf ihnen, so behaupten US-Geheimdienstler, habe unlängst eine neue Version von Marschflugkörpern das dortige Raketentestgebiet verlassen. Der neue Raketentyp, glaubt das Pentagon, habe eine Reichweite von 1.500 bis 2.000 Kilometern und verstoße, sollte er in Abschussrampen gesteckt werden, gegen den INF-Vertrag über landgestützte nukleare Mittelstreckenraketen. Dieses Abkommen hatten Ronald Reagan und Michail Gorbatschow 1987 unterzeichnet und damit das atomare Wettrüsten in Europa beendet.

Dass Russland mit der Entwicklung neuer Raketentypen den INF-Vertrag verletze, befand schon die Obama-Regierung im Jahr 2014. Die russischen Cruise-Missiles, fürchten US-Militärs, könnten in bereitstehende Abschussrampen in Kaliningrad oder auf der Krim geladen werden; dies würde fast alle US-Stützpunkte in Europa bedrohen. Die amerikanische Typenbezeichnung für diese Raketen, SSC-8, sollte man sich ebenfalls merken. Sie sind so etwas wie die neue SS20 – des sowjetischen Raketentyps, der das Wettrüsten der 1980er Jahre auslöste.