Cruise-Missiles oder Marschflugkörper haben aus militärischer Sicht den Vorteil, dass sie unter dem feindlichen Radar hindurchjagen können, weil ihre Flughöhe sich der Bodenkontur anpasst. Genau diese Träger für Nuklearwaffen müssten in Europa vorgehalten werden, argumentieren US-Strategen. Denn die Kombination aus B61-Fallbomben und Bundeswehr-Tornados stelle längst keine Abschreckung gegen Russland mehr dar. Die moderne russische Luftabwehr könne die Jets problemlos abschießen.

"Das Experiment der Abrüstung hat nicht wirklich funktioniert", bilanziert Matthew Kroenig in seinem Büro in der Washingtoner Georgetown University. Der Professor für Sicherheitspolitik ist ein Falke der neue Generation. Der 40-Jährige begann seine Karriere bei der CIA und entwarf später für das Verteidigungsministerium Szenarien für einen Militärschlag gegen Nuklearanlagen im Iran. Heute ist Kroenig Vordenker einer, wie er es sieht, notwendigen Anpassung der Nato-Nuklearschlagkraft an neue Realitäten.

Amerika, glaubt er, habe sich auf diesem Feld über die Jahre der Terroristenjagd seit 9/11 "strategische Ferien" gegönnt. "Obama hat mehr auf Rüstungskontrolle gesetzt, weniger auf Abschreckung", sagt Kroenig und vollzieht mit den Händen eine Waagen-Bewegung. "Das müssen wir wieder in Balance bringen." Gegen jeden potenziellen Aggressor, gegen China, Nordkorea oder Russland, benötige Amerika eine maßgeschneiderte Abschreckung. Was im Falle Russlands bedeute: Man müsse einen "begrenzten nuklearen Krieg" führen können.

Zu diesem Ergebnis, glaubt der gut vernetzte Kroenig, werde auch die aktuelle sogenannte Nuclear Posture Review kommen – die regelmäßige Überprüfung der US-Nuklearstrategie, die stets in einem offiziellen Dokument endet. Dieses wird derzeit im Weißen Haus erarbeitet und soll demnächst veröffentlicht werden.

Das Gleichgewicht des Schreckens sei gestört, warnen Strategen

Ein "begrenzter" nuklearer Krieg? In Europa? Kroenig weiß, dass dies in den Ohren von Deutschen, Italienern oder Belgiern nach Apokalypse klingt. Aber welche Schlussfolgerung, fragt er, solle man denn sonst daraus ziehen, dass russische Militärs offen von "deeskalierenden" Nuklearschlägen auf Europa sprechen?

Tatsächlich haben die Russen einen solchen "kleinen" Atomangriff bei Manövern 2009 und 2013 bereits durchgespielt, das Ziel war Warschau. Die Absicht könnte es sein, die Europäer im Falle einer militärischen Auseinandersetzung zur Kapitulation zu zwingen.

Auf diese Option könnten die Russen deshalb zählen, so Kroenig, weil dem Nato-Bündnis mit seinem bestehenden Nukleararsenal im Moment lediglich die Wahl bliebe, seinerseits zu eskalieren. Russland besitze vielfältige Angriffsmöglichkeiten mit Sprengköpfen unterhalb des Kilotonnen-Bereiches. Die einzigen Bomben im Nato-Arsenal, die auf eine ebenso begrenzte Sprengkraft eingestellt werden könnten, um mit einem gleichgearteten Gegenschlag zu antworten, sind die B61 – die unter anderem in Büchel lagern –, nur dass die es eben kaum nach Russland schaffen würden.